Am 14.09. fand die Fachkonferenz der Bibliotheksfachstellen unter dem Motto “Alle(s) in einem Haus” – Integration und interkulturelle Bibliotheksarbeit als Aufgabe Öffentlicher Bibliotheken statt. Im Rahmen ihrer Jahrestagung 2009 in Lüneburg veranstaltete die Fachkonferenz der Bibliotheksfachstellen in Deutschland  in enger Zusammenarbeit mit der Büchereizentrale Niedersachsen – einen Thementag zur Rolle der Öffentlichen Bibliotheken beim politischen Ziel der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund.

Endlich war dieses Thema auf der Agenda der Fachstellen angekommen und erhielt die nötige Aufmerksamkeit von Seiten der politischen Vertreter und den Berufsverbänden. Bibliotheken scheinen bisher zu selten in einem Atemzug genannt worden zu sein, wenn es in den Medien um das Thema der Integration ging. Dabei leisten gerade die öffentlichen Bibliotheken mit ihren Hauptarbeitsgebieten Kultur und Bildung eine entscheidende Rolle für den Integrationsprozess von Menschen mit Migrationshintergrund.

Auf der Konferenz wurden zahlreich Best Practice Beispiele vorgestellt, die sich unter anderem mit den folgenden Themen intensiver auseindersetzten:

  • Lese- und Sprachförderung
  • Gezielte Medienangebote für Migranten
  • Kooperationsarbeit mit Gruppen und Vereinen

Den Anfang machten der Staatsekretär des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur, Dr. Josef Lange und der zweite Bürgermeister der Stadt Lüneburg (Dr. Gerhard Scharf), die teilweise in die Thematik einführten und zusätzlich dem Zuhörern einen Abriss der Stadtgeschichte Lüneburgs gaben. Es wurde beispielsweise erwähnt, dass der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund bis 15 Jahre  in Niedersachsen 25 % beträgt und den Bibliotheken eine Brückenbaufunktion zukommt. Herr Dr. Lange verwies auf bereits bestehende Projekte der Akademie für Leseförderung in Hannover. Im Anschluss danach sprach Frau Honey Deihimi, die Integrationsbeauftragte von Niedersachsen davon wie wichtig das Thema Integration ist und welche Rolle öffentlichen Bibliotheken zukommt. Sie sprach von der Bibliothek als den Ort der Integration, der imstande ist Synergieeffekte zu erzielen. Wortwörtlich sagte Deihimi, dass da wo Integration zur Chefsache gemacht werde, sie auch gelinge.  Zusätzlich forderte sie ausdrücklich auch die Bibliothekare auf, die Migranten in die interkulturelle Öffnung ihrer Bibliothek selbst mit einzubeziehen, was ja in der Vergangenheit ehr seltener der Fall war.

Trotz aller Forderungen nach Integration machte Frau Deihimi deutlich wie wichtig die Beherrschung der Herkunftssprache ist, die der Schlüssel ist um auch die deutsche Sprache gut zu beherrschen. Außerplanmäßig war Herr Meinhardt Motzko als nächstes an der Reihe, der verschiedene Studien zitierte (u.a. die Sinus-Studie zu Migranten-Milieus, die Städtestatistik etc.).  Ziel von Interkultur_pro (www.interkulturpro.de) sei es den Zugang für Migrantinnen und Migranten zu Kultureinrichtungen, Kunst-, Kultur- und Förderprogrammen zu erleichtern. Die öffentliche Bibliothek charakterisierte Motzko mit den folgenden Stichpunkten:

  1. als eine traditionelle Kultureinrichtung
  2. keine Hochkultureinrichtung
  3. eine kaputtgesparte Einrichtung, die vornehmlich vom sog. Bildungsbürgertum genutzt wird.

Aus der Studie »Kulturelle Präferenzen und Gewohnheiten« der Milieus der Menschen mit Migrationshintergrund ging hervor, dass etwa 20 % der Menschen mit Migrationshintergrund öffentliche Bibliotheken nutzen im Gegensatz zu einheimischen Milieus, bei den es 29 % sind. Er zitierte die kulturellen Präferenzen und unterschiedlichen Milieus, die es auch unter den Migranten gibt und plädierte für eine differenzierte Betrachtung dieser Gruppe.

Im letzten Vortrag vor der Mittagspause erläuterte Frau Monika Pohlschmidt, die Leiterin der Bibliothek des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim welche Art der Mediennutzung und Medienkompetenz bei Menschen mit Migrationshintergrund vorliegt. Sie machte darauf aufmerksam, dass bis in die 90er Jahre nur Spätaussiedler so genannt wurden. Die Studie kam zu interessanten Ergebnissen, dass etwa der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund, die Akademiker sind, höher ist, was den Besitz eines Internetanschlusses betrifft. Ähnlich wie Motzko sprach sich Pohlschmidt dafür aus die “Migranten“ nicht weiter als besondere Gruppe zu bezeichnen, da diese alles andere als homogen sind. Auch hier ist es wichtig deren Lebenswelten und -auffassungen kennen zu lernen.

Nach der Mittagspause wurden erfolgreiche Best Practice Beispiele vorgestellt. Die Eindrucksvollsten aus Deutschland waren meiner Ansicht nach die folgen drei:

  • Bibliotheken machen „wortstark“ Das Angebot der Citybibliothek Berlin von Christiane Bornett, Kinderbibliothekarin der Bezirkszentralbibliothek: Hierbei handelt es sich um innovative Programme zur Sprach- und Leseförderung, die ein hohe Resonanz erfahren. Die schier unglaubliche Zahl von jährlich 90.000 Teilnehmer/innen allein im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte versetzte die Telnehmer in Erstaunen. Frau Bornett gab zu, dass die Bibliothekare keine Lektoratstätigkeiten mehr ausüben sondern in erster Linie als Literaturvermittler tätig sind, um den Lernort Bibliothek zu stärken. Ziel ist es den Übergang zur Interkulturellen Bibliothek in den nächsten Jahren zu schaffen.
  • Raus aus der Bibliothek, rein in die Familie: ein Projekt des Zentrums fürLiteratur an der Phantastischen Bibliothek Wetzlar von Bettina Twrsnick: Hierbei handelt es sich um Lesepatenprojekte, die von der Bibliothek aus koordiniert werden, indem Multiplikatorenschulungen angeboten werden und nach der sog. Bibliotherapie die zukünftigen Lesepaten auf ihre Aufgaben vorbereitet werden. Dieses „family literacy“ Programm schafft letztendlich ein ausgeglicheneres Sozialverhalten bei den Kindern und ein interfamiliäres Kommunikationsverhältnis und hat viele Nachahmereinrichtungen gefunden.
  • Die „Bücherstube Lohberg“ in Dinslaken von Edith Mendel: Auf eindrucksvolle Art und Weise machte die Direktorin klar, wie wichtig die Bücherstube im Stadtteil Lohberg ist, in dem 90 % der Grundschüler einen Migrationshintergrund haben und von einer hohen Arbeitslosigkeit gekennzeichnet ist. Die Schließung der Bücherstube konnte dank intensiver Lobbyarbeit und eine Stärkung des Bildungspotenzials durch den neuen Bürgermeister abgewendet werden. Sie ist fester Bestandteil der integrativer Stadtteilarbeit.

In weiteren Vorträgen stellte Bernd Merker von der Stadtbibliothek Leipzig seine Erfahrungen als Librarian-in-Residence Stipendiat in der Quees Library in New York vor und verglich diese mit seinen Erfahrungen in Deutschland. Dabei konnten durchaus viele Anregungen und große Unterschiede von ihm festgestellt werden, wo es doch dort beispielsweise „ganz normal“ sei auf der Straße junge Menschen zu sehen, die ein T-Shirt mit der Aufschrift ihrer Bibliothek tragen. Worauf Merker und auch andere Bibliothekare hinwiesen, waren der Mangel an Bibliothekaren, die selbst einen Migrationshintergrund vorzuweisen hatten und z.B. russischer bzw. türkischer Herkunft sind. Hierfür scheint es eine große Nachfrage zu geben. Weitere Redner an diesem Tag waren Bettina Kuse von der Stadtbibliothek Dietzenbach und Frau Petra Meier-Ehlers von den Hamburger Bücherhallen, die das Portal www.interkulturellebibliothek.de vorstellte.

Alles in allem wurden eine Vielfalt von interkulturellen Bibliotheksprogrammen vorgestellt. Dennoch war dieser Fachstellentagung anzumerken, dass Interkulturelle Bibliotheksarbeit immer noch als etwas Neues begriffen wird, für das extra Mittel bereitgestellt werden müssen, im Gegensatz etwa zur Queens Library, wo eine andere Willkommenskultur herrscht, die in Deutschlands Bibliotheken gerade erst dabei ist sich herauszubilden. Es wäre wünschenswert, dass solche Tagungen keine „Eintagsfliegen“ sind, bei denen nur die Bibliothekare anwesend sind, die mit diesen Themen bereits aus der beruflichen Praxis vertraut sind. Integration geht alle an und bezieht sich weit mehr als nur auf Sprach- und Leseförderung für Schüler oder gar nur auf öffentliche Bibliotheken (siehe hierzu: http://www.igad.rwth-aachen.de/pdf/Diversity-Management_FTD.pdf ).

P.S: Weitere Beiträge von Frau Hedelund, Weißel-Reinhardt und Thürsam fanden am Dienstag, 15.9. in dem nicht-öffentlichen Teil der Jahrestagung statt.  Dort wurde das Thema unter den Fachstellenleitern weiter behandelt:

Je früher, desto besser: Vorschulische Sprach- und Leseförderung von Kindern mit Migrationshintergrund in der Bücherhalle Wilhelmsburg
Myra Thürsam, Bücherhallen Hamburg

From 4 to 1: Community Center Gellerup – mehr als nur Bücher! Ein Beispiel aus Dänemark
Lone Hedelund, Bibliothek Gellerup / Aarhus

„Interkulturelles Denken als Leitbild“ – Fachstellen als interkulturelle Kompetenzzentren für Bibliotheken
Petra Meier-Ehlers, Bücherhallen Hamburg / Mitglied der DBV-Kommission „Interkulturelle Bibliotheksarbeit“

„Auf den Spuren der Hakawatis“: Begegnung Jugendlicher mit Migrationsliteratur und orientalischer Erzähltradition
Cornelia Weißel-Reinhardt, Stadtbücherei Stuttgart



 
Ähnliche Beiträge

1 Comment

  1. Dörte Böhner

    Die Büchereizentrale Niedersachsen verlinkt in ihrem Beitrag Interkulturelle Bibliotheksarbeit hierher. Vielen Dank

%d Bloggern gefällt das: