Thomas Hapke und Lambert Heller haben in einer der letzten Veranstaltungen der 14. Verbundkonferenz eine Diskussion rund um Informationskompetenz angestoßen. Die Zuspitzungen ihrer Vorträge sollten die Basis einer guten Debatte bilden.

Hapke präsentierte ein Suchbeispiel, welches am 25.08.2010 im netbib weblog dokumentiert wurde. Nehmen Sie einen Bibliotheks-OPAC, z.B. Gesamtkatalog des GBV und suchen Sie  nach Wir sind doch nicht blöd. Geben Sie ruhig auch den Autor mit ein. Die Ergebnisse sind für den Suchenden enttäuschend. Suchen Sie dies bei TUBFind oder anderen suchmaschinenbasieren Online-Katalogen und Sie werden diesen Titel, sofern in der Bibliothek vorhanden, tatsächlich ganz oben gelistet finden… Warum? – Hand aufs Herz, selbst Sie als Recherche-Experte werden sicherlich nicht sofort daran denken, dass dieses „nicht“ im String vom OPAC als Boole’scher Operator gewertet wird und er daher alle Treffer anzeigt,  die vom Autor stammen, die Buchstabenkombination „blöd“ aber NICHT enthalten.

Wie soll man dies einem Nutzer vermitteln? Müssen wir ihm das überhaupt vermitteln oder sollten wir lieber zusehen, dass unsere Suchoberflächen solche Hürden umgeht und es dem Nutzer relativ einfach macht?

Auch weitere Fragen schließen sich daran an. Wie zeitgemäß ist es heute noch, sich vor eine Gruppe zu stellen, frontal die Vorträge zu halten oder eine Lehrveranstaltung anzubieten, die sich allein mit dem Thema Informationskompetenz beschäftigt? Erreichen wir mit unseren Veranstaltungen dabei nicht nur Leute, die man dazu zwingt und präsentieren wir uns selbst dabei nicht als etwas Abschreckendes?

“In diesen Tagen darf sich niemand auf das versteifen, was er kann. In der Improvisation liegt die Stärke, alle entscheidenden Schläge werden mit der linken Hand geführt werden.”

“These are the days when no one should rely on his ‚competence‘. Strength lies in inspiration. All the decisive blows are struck left-handed.”
Walter Benjamin, Einbahnstraße, 1928.

Anhand dieses Zitates von Walter Benjamin verdeutlichte Hapke, dass Kompetenzen zukünftig eine größere Rolle spielen werden, es nicht mehr in dem Maße darauf ankommen wird, welche Fakten wir mal gelernt haben oder wie wir mit einem bestimmten Programm umgehen. Was Bestand haben wird in einer Welt, die sich rasch ändert, ist das, was wir an Kompetenzen entwickeln.

Dem gegenüber steht auch eine sehr unterschiedliche Meinung bzw. ein unterschiedliches Verständnis, was man unter Informationskompetenz sehen kann. Für einige besteht IK aus einem inhaltlichen Wissen über die Welt der Information, für andere die Art und Weise des Lernens (Form), andere wiederum ordnen dieser Kompetenz eine soziale Bedeutung zu und für andere steht das Einordnen der Information in einen Kontext und das Erkennen einer persönlichen Relevanz im Vordergrund. Informationskompetenz setzt sich dabei aus einer Vielzahl unterschiedlicher Kompetenzen zusammen, die zu fördern eine sehr komplexe Angelegenheit ist.

Menschen haben sich komplexe, unterschiedliche Formen angeeignet, um mit Informationen umzugehen (nach C. Bruce, S. Edwards, M. Lupton, 2006) oder Informationen einzuordnen. So kann Information etwas Objektives oder Subjektives sein, etwas Materielles oder rein Formales. Sie kann für Stabilität (Beständiges, Dauerhaftes) stehen oder veränderlich sein (kurzlebig, nur für den Moment gültig) und … und … und … Für manche kann die Information den Charakter von Kommunikation annehmen.

Michael Tomasello zeigt in seinem Buch “Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation“, dass diese sich in drei großen Bereichen manifestiert.

So gibt es das Zeigen als Geste, welches oft als Aufforderung zu verstehen ist. Beim Helfen geht es auch um das Informieren und die nächste Stufe ist dann das Teilen von Einstellungen und Wissen. All das sind auch Komponenten des Web 2.0.

Vor diesem Hintergrund schloss Hapke seinen Vortrag und fragte nochmals in die Runde, wie zeitgemäß die Lehr-/Lernsituation in den Bibliotheken der Teilnehmer der Diskussionsrunde sei und ob es dort nicht auch ein „information literacy fatique syndrome“ gäbe, wie es Dr. Philipp Stadler in seiner Präsentation “Informationskompetenz ?” formuliert hätte. Auch stelle sich ihm die Frage, wie zeitgemäß der Begriff Informationskompetenz noch sei oder ob man überhaupt von Informationskompetenz reden sollte. Damit übergab er das Wort an Lambert.

Lambert hatte keine Präsentation vorbereitet, sondern seine Thesen provokant in seinem Blog veröffentlicht: „Vermittlung von Informationskompetenz? – Vier Thesen für die Zeit danach“

Die Herangehensweise der Lernenden von heute ist anders. Es wird viel mehr problem- und aufgabenbezogen gelernt. Dies haben Studien bestätigt und Bibliotheken sollten dies ernst nehmen und für ihr Angebot Konsequenzen daraus  ziehen. Die Debatte von E-Learning-Experten zeigt, dass sich die Art zu lernen  erheblich geändert hat und die Lernenden von heute nicht mehr um Vollständigkeit bemüht sind. Diese Debatte war auch bei LOTSE zu finden, wo es in den theoretischen Prämissen genau dieses Phänomen beschrieben wird und auch gesagt wird, was gemacht werden soll, aber dann wird wiederum viel Zeit auf Lernziele gesetzt und dafür künstliche Lernszenarien geschaffen. Ist dies nicht ein Widerspruch zu den eigenen theoretischen Prämissen, wenn doch problemorientiert gelernt wird?

Was ist die Konsequenz, die Bibliotheken aus der Veränderung der Lernart ziehen sollten? Die erste wäre es, einen Blick ins Web zu wagen, wo momentan sehr viel passiert. Dort lassen sich neue charakteristische Muster entdecken. Ein aktuelles Beispiel sind die Veränderungen im Bereich des OPACs. (Es gab auf der Verbundkonferenz eine ganze Session zu diesem Thema, die ich leider nicht besuchen konnte. Ich würde mich freuen, wenn ich den ein oder anderen (Blog-)Artikel dazu zeitnah zu lesen bekäme.) Im Ergebnis wäre viel Unsicherheit bei den Kollegen geblieben und viele eigene Ungewissheiten.  Lambert stellte nun die Frage, warum wir diese offenen Fragestellungen nicht sichtbar machen da draußen und darüber in aller Öffentlichkeit reden? Wir setzten uns zu sehr als Experten (bös gesagt vielleicht auch als Besserwisser) in Szene  und wirken vielleicht daher manchmal auch zu abschreckend. Wäre es nicht besser, uns damit in der Weböffentlichkeit vielleicht etwas interessanter zu machen?

Diese Informationskultur muss natürlich in Bibliotheken erst etabliert werden. Dann stellt sich natürlich die Frage, ob es dann noch der Spezialisierung als Informationsvermittler bedarf. Wir müssen uns immer mal wieder deutlich machen, dass wir im Grunde genommen keine Didaktiker sind. Ein Einreißen der Grenzen hätte so für uns vielleicht etwas Gutes. Wir würden so von Lehrenden vielleicht eher Berater im Bereich Wissensmanagement (Community Technology Steward).

Um aber diesen Wandel zu vollziehen, müssen Bibliothekare „Eintauchen“ in das Neue. So müssten Bibliotheksleiter den Mut aufbringen, ihre Mitarbeiter im Netz aktiv sein zu lassen, akzeptieren, dass diese sich dort auch kritisch, aber vor allem authentisch äußern. In Bibliotheken ist dies momentan noch nicht denkbar, obwohl große Firmen (z.B. IBM, Google) dies bereits praktizieren. Dort geht es schließlich meist auch um mehr.

Natürlich ist es notwendig, dass Bibliothekare in die Welt der Webmedien eintauchen und dann mit ihnen arbeiten, ohne sie zu institutionalisieren. (Als gutes Beispiel nannte Lambert das Blog “Eintauchen” von Dale Askey.) Es soll eben nicht Althergebrachtes dorthinein übertragen werden. Die Bibliothekare sollten erstmal aktive Webbenutzer werden und ein Gefühl für die Gepflogenheiten und sozialen Regeln des Netzes entwickeln, bevor sie dann aktiv werden und selbst loslegen. Dies würde dazu führen, dass sich so spezifische bibliothekarische Kompetenzen mit Webkompetenzen vermischen und dabei das Web und die aktiv gewordenen Bibliothekare bereichern.

Ein guter Einstieg, um etwas davon mitzunehmen, wie eine Veränderung der Vermittlung, gestützt durch Web2.0-Erfahrungen, aussehen könnte, wäre das BibCamp in Hamburg vom 11. und 12. März 2011. Dort kann man einmal sehen und miterleben, wie Wissensvermittlung ohne festgelegte Rollen funktionieren kann.

Oliver Schönbeck, Bibliotheks- und Informationssystem der Universität Oldenburg, nahm eine Gegenposition zu der sehr weblastigen und online-ausgerichteten Diskussion von Lambert ein. Die ‚Digital Natives‘ entwickeln bestimmte Kompetenzen, aber dennoch bestehen bestimmte Medieninkompetenzen, immer dann, wenn Programme nicht selbsterklärend sind. Dies ist eine Art von Unmündigkeit. Hier müssen die jungen Leute diese Kompetenzen erst entwickeln. Es besteht also auch bei den ‘Digital Natives’ ein Defizit, welches ausgeglichen werden muss.

Für Bibliothekare bedeutet dies, sie müssen herausfinden, was die Nutzer bereits können und darauf müssen sie aufbauen, aber das Defizit darf nicht verschwiegen werden. Informationskompetenz muss entwickelt werden und es stellt sich die Frage, was Bibliothekare tun können, um Räume für die Kompetenzentwicklung zu schaffen. Bei neuen OPACs werden viele Entscheidungen der Recherche dem Nutzer abgenommen. Da stellt sich die Frage, ob das Vor- oder nachteilig ist und ob die Nutzer dadurch entmündigt werden. Was passiert mit informationskompetenten Nutzern? Besteht  dabei nicht die Gefahr, dass wir unseren Nutzern dadurch suggerieren, dass sie Informationen nicht mehr selbst bewerten müssen?

Die Teilnehmerin der TUB Clausthal verdeutlichte etwas später in der Diskussion die Probleme der Jugendlichen nochmal. Nicht immer sind ihnen auch die Grenzen zwischen Print und Elektronisch klar. So hätte eine/r ihrer StudentInnen immer wieder nachgefragt, wie er das E-Book ausleihen könnte. Dieses Beispiel zeige, dass ihnen viele banale und für uns sehr simple Dinge unklar sind. Die Digital Natives sind in der Informationswelt alles andere als „native“. Sie haben keine Vorstellung, wie man Informationen bewertet, was es an Informationsquellen gibt. Dabei besitzen sie überhaupt keinen Überblick über die Möglichkeiten.

Die Vermittlung von Informationskompetenz über das Web kann aus Oliver Schönbecks Sicht nur ein Einstieg sein, bei dem Nutzer dann in die Hände der Bibliothekare geleitet werden, welche ihnen die weiteren benötigten Grundlagen (Teilkompetenzen) vermitteln.

Ingo Cäsar machte deutlich, dass bestimmte Kompetenzen bereits mitgebracht und vorausgesetzt werden müssten. Dies müssten bereits im Schulunterricht vermittelt werden. Pädagogen selbst setzen derzeit dort auch auf ein problemorientiertes Arbeiten, um so einen Spagat zwischen einem niedrigen und einem hohen Kompetenzlevel zu verringern.

Kati Koch der TIB/UB Hannover merkte an, dass Bibliothekare immer wieder ganz bei Null beginnen müssen. Begrenzender Faktor ist dabei das zur Verfügung stehende Personal. Mal ganz abgesehen davon, sei auch das lehrerhafte nicht unbedingt toll. Jeder, der regelmäßig Führungen durchführt, weiß, wie anstrengend dies ist. Online-Angebote können hier ergänzend oder auch vor- bzw. nachbereitend eingesetzt werden.

Thomas Hapke fügte hinzu, dass die Auskunft in der Regel der letzte Anlaufpunkt ist, wenn es darum geht, Probleme in der Bibliothek oder bei der Recherche zu lösen.  Vorher schöpfen die Bibliotheksbenutzer (Studierenden) ihre eigene Community ab, um dort Hilfe zu erhalten. Die Lernenden wählen dabei den leichtesten Weg, um an die benötigten Informationen zu gelangen. Die Bibliothekare gehören nicht zum Teil ihrer Community, welche sich zum Teil auch im Netz befindet.

In vielen Fällen werden die didaktisch nicht geschulten Bibliothekare durch ihre mit Fragen konfrontiert, die sie nicht leicht beantworten können: Wie kann ich es unterrichten oder muss ich es durchleiden? Wie mache ich es dem Nutzer klar, dass wir seine kompetenten Ansprechpartner sind? Wie kann ich es ansprechend darbieten? Eine große Herausforderung ist es auch für die Einrichtung Bibliothek, das riesige Spektrum abzudecken, wo Nutzer sich informieren. Im Netz jedoch sind Bibliothekare heute immer noch zu wenig präsent und outen sich auch als Bibliothekare. Bibliotheken fehlt es an Mut, ihre Mitarbeiter im Netz persönlicher werden zu lassen. Das Blog ist dabei nicht   d i e   Lösung, sondern nur ein Ansatz, so Lambert Heller, ein Paradigma für eine neue Herangehensweise.

Bibliotheken können nur ein Überblickswissen vermitteln. Die Lernenden selbst müssen dafür sorgen, sich Lernerfolge zu verschaffen. Bibliotheken können versuchen, anwendungsbezogen zu lehren, aber die persönliche Motivation muss vom Lernenden mitgebracht werden. Und es war innerhalb der Diskussion auch von einem kollektiven Unbehagen die Rede, weil wir wissen, dass man mit Medien anders umgehen sollte, als es die derzeitige junge Generation tut. Sie sehen einfach nicht, dass es besser, anders geht und gehen sollte. Doch wie können wir das ändern und unser Wissen vermitteln, d.h. die Notwendigkeit, informationskompetent zu werden?

Sind Blogs & Co dafür die richtigen Mittel oder ist das so, als ob man mit der Schrotflinte in die Masse schießt. Es wird dabei auch schon einen Richtigen mit treffen. Eines müssen wir uns deutlich machen: wir müssen mehr dort sein, wo die Lernenden sich aufhalten und daher auch besser aus einem bereits bestehenden Lehrzusammenhang heraus arbeiten. Dies bedeutet eben auch eine sehr enge Zusammenarbeit mit den entsprechenden Lehrstühlen an unseren Einrichtungen. Da wir nicht alles allein lehren können, ist es notwendig, unsere Lernenden dazu anzuregen, das was wir ihnen beibringen, im sozialen Lernen weiterzuentwickeln. Dafür ist eben auch eine Handlungsorientierung fürs Lernen notwendig.

Für die weitergebenden Bibliothekare – ich habe diesen Begriff an der Stelle bewusst statt „vermittelnden“ oder „lehrenden“ verwendet – heißt dies, sie benötigen ein sehr genaues Wissen über die Zielgruppe und über die zu vermittelnden Inhalte . Damit müssen wir uns in andere Bereiche einbringen, so z.B. auf die Webseiten der Fachbereiche, fachnahe Webseiten und in ihre Communitys.

Wenn sich Bibliothekare, so wie es Lambert Heller in seinen Eröffnungsthesen forderte, externalisieren, besteht die Frage, wen wir damit erreichen. Sicherlich nicht die große Masse, da es für diese nicht interessant ist, welche Probleme wir beispielsweise mit unseren OPACS und Bibliothekssuchmaschinen haben.

Lesen Sie weiter im zweiten Teil des Beitrags.

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