Die Idee zum Weltlachtag kommt aus der Yoga-Lachbewegung. Um Punkt 14 Uhr darf für 3 Minuten gelacht werden. Im folgenden Sketch aus dem Jahr 1988 geht es um Aufmerksamkeit und Ordnung in der Bücherei.

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Veröffentlicht am 29.04.2013 - 12:18 · AutorIn: ·
1 Kommentar
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Die Nichtnutzertudie sollte uns weiterbringen bei der Frage, warum die Bibliotheken und hier insbesondere die Öffentlichen Bibliotheken nicht genutzt werden. Derzeit poppt zudem eine Diskussion über das methodische Vorgehen bei dieser Studie auf. Ursache ist der Artikel von Frau Nikolaizig et al.1

Herr Philipp Maass möchte diese Diskussion in eine breitere Öffentlichkeit tragen, aus folgendem Grund:

Mir ging es um die Methodik der Studie und die damit einhergehende Diskussion inwieweit ich mich auf Ergebnisse, die vom DBV publiziert werden, verlassen kann. Das war für mich das Schockierende.

Diese Besorgnis lässt sich mit den von Herrn Rogge vorgebrachten Argumenten nicht entkräften, im Gegenteil. Rogge geht davon aus, dass die Qualität der kommunalen Diskussionen nicht besonders hoch ist und man sich dort nicht mit der Studie beschäftigt.

Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass über Bibliotheken auf der Grundlage eigener persönlicher Einschätzungen und Erfahrungen der politischen Entscheidungsträger diskutiert wird? Da ist die Grundgesamtheit der Befragten oft = 1, nämlich die der eigenen Tochter, eines Bekannten oder der eigenen Erlebnisse aus der Studienzeit.

Gerade dann sollten wird sicher sein, dass wir die Qualität dieser Diskussion heben können. Wer die Argumente nachprüfen will, kann das dann nämlich tun.

Schade, dass die Bibliothekswelt dazu neigt, sich um die eigene Argumentationskraft zu bringen.

Eine wissenschaftlich fundierte Studie sorgt für Sicherheit in der eigenen Diskussion. Nur wenn wir mit fachlich fundierten Argumenten unsere Positionen vertreten, können wir sicher sein, dass diese nicht zum schwächsten Glied der Lobbyarbeit werden. Was nützt uns eine unhaltbare Studie, wenn wir damit letztlich als “unfachlich” disqualifiziert werden?

Schwierig in der Diskussion ist, dass man in der Studie sehr rasch als eine reine Lobby-Arbeits-Diskussions-Maßnahme wahrnimmt. Sollten jedoch solche Studien nicht gerade deshalb gemacht werden, um die eigenen Schwächen im System/in der täglichen Arbeit sichtbar zu machen, um hier ggf. gegensteuern zu können?

Barbara Schleihagen, Geschäftsführerin des Deutschen Bibliotheksverband e.V. und Dr. Simone C. Ehmig, Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen reagieren in einer veröffentlichten Stellungnahme auf die Kritik.

Auf Inetbib bedauert Schleienhagen in ihrer Antwort auf Maass:

Wir bedauern, dass die Autorinnen der HTKW gerade zu solchen Fragen den wissenschaftlichen Diskurs nicht gesucht haben. So kann man sich beispielsweise auch durchaus gewinnbringend fachlich darüber auseinandersetzen, ob Tests auf statistische Repräsentativität von Ergebnissen sinnvoll sind, wenn man mit einer Studie Teilgruppen vergleichen, nicht aber Aussagen über die Gesamtbevölkerung machen möchte.

Wann ist Kritik angebracht? Darf sie in einem öffentlichen/schriftlichen Rahmen stattfinden? Ist das nicht der Ausdruck einer aktiven Fachgemeinschaft?
An der Stelle kann man eigentlich nur Plieningers Antwort dazu zustimmen:

Nun, der wissenschaftliche Diskurs muss nicht notwendigerweise privat erfolgen, sondern findet ja in der Öffentlichkeit statt, damit andere auch Stellung dazu beziehen bzw. sich einen Eindruck machen können.

Ich vermisse oft, dass öffentlich kritisch hinterfragt wird. Sachlich fundiert und wissenschaftlich ausgefochten, sind die Mehrwerte für alle Beteiligten ein Gewinn und sollte nicht dazu führen, dass nun keiner mehr sich traut, Probleme aufzugreifen und anzugehen. An manchen Stellen sind Fehler und somit ein “Scheitern” gewinnbringender als ein glattgebügeltes Ergebnis. Es ist gut, dass diese Studie jetzt von verschiedenen Seiten beleuchtet und hinterfragt wird.

Doch es wäre unzureichend, nur die derzeit aktuell laufende Diskussion hier wiederzugeben. Allerdings war die inhaltliche Aussagekraft bereits kurz nach der Veröffentlichung schon als oberflächlich kritisiert worden. Karsten Schuldt hat bereits damals das methodische Vorgehen der Studie hart kritisiert und kommt dabei letztlich zum Schluss:

Diese Studie zumindest hilft dem Bibliothekswesen nicht weiter. Sie lenkt eher von den tatsächlich wichtigen Fragen ab, die da, wie gesagt lauten:

  • Wen wollen wir eigentlich womit erreichen? Wie viel ist für Bibliotheken viel?
  • Wie können Bibliotheken für Nichtnutzende relevant werden? Relevant, indem sie zu ihrem Leben positiv beitragen, nicht bekannt, weil sie eine dufte Werbung machen.

Auch meine Kritik 2 sehe ich in der Auswertung durch Nikolaizig & Co bestätigt.
Mai 2012 beschäftigte sich auch Liane Haensch sich kurz mit dieser Studie in den Stimmen auf Plan3t.info.

Schade nur, sollte die aktuell angestoßene Diskussion wieder in wirre Oberflächlichkeiten versanden, wie Susanne Drauz anmerkt3, und wir uns nicht generell darüber Gedanken machen, wie methodisch fundierte Studien die Arbeit des DBV unterstützen und befruchten können. Ist hier eine verstärkte Zusammenarbeit mit den Hochschulen möglich? Wie können Studien ergebnisoffen angelegt und interpretiert werden? Welchen Aufwand kann ein Verband überhaupt betreiben? Oder ist es gar sinnvoll, solche Studien an fachfremde Experten in der Erstellung von Studien zu vergeben?

Wie stellen wir uns einen (wissenschaftlichen) offenen Diskurs in der Bibliothekssparte eigentlich vor? Ich gewinne zunehmend den Eindruck, es geht darum, in den eigenen Institutionen möglichst nicht zu kritisch zu sein, nach Außen mehrheitlich konform mit Entscheidungen von Verbänden und Institutionen zu wirken und Probleme tot zu schweigen. Sind wir wirklich so? Ist das die Zukunft der bibliothekarischen Zunft?4

Quellen:
Zur von Philipp Maass angestoßenen Diskussion auf Inetbib: [InetBib] Studie “Wissen wir tatsächlich mehr? – Aussagewert – Artikel BuB
Plieninger, Jürgen: Nichtnutzerstudie, Netbib
Plieninger, Jürgen: “Handlungsempfehlungen, die man immer macht”, Netbib, 01.05.2012
Schuldt, Karsten: Marketingdenken statt Problembewusstsein? : eine kurze Polemik zur „Nichtnutzungsstudie“ des dbv, Bibliotheken als Bildungseinrichtungen, 30.04.2012

 
Fußnoten

  1. Gedruckte Form: Daniela Hoffmann, Andrea Nikolaizig, Helag Tecklenburg und Martina Werder, welcher unter dem Titel “Zum Aussagewert der Studie ‘Ursachen und Gründe für die Nichtnutzung von Bibliotheken in Deutschland’ / Eine kritische Betrachtung” in der BuB 65(2013)04, S. 296-299. []
  2. “Recht schnell entsteht hier der Eindruck, dass die erhobenen Daten in bunte Bilder verpackt worden sind, die wiederum notdürftig und überschnell interpretiert werden. Dabei ist das Ergebnis ganz offensichtlich bereits im Vorfeld feststehend, wie die zum Teil oberflächlich hingeworfenenen, Allgemeinplätzen gleichenden Handlungsempfehlungen für Öffentliche Bibliotheken zeigen (…)” []
  3. “Das dritte spannende Moment in der “Diskussion” auf inetbib ist doch darüber hinaus, dass garnicht über das diskutiert wird, was zur Diskussion steht, oder? Man schmeißt Selbstdarstellungsbrocken in die Liste und damit ist die Angelegenheit erledigt. []
  4. Ich weiß, dass dies überspitzt ist. Ich kenne viele Kolleginnen und Kollegen, die sich engangiert mit diesen Problemen auseinander setzen, aber ihre Ausstrahlung in das bibliothekarische Selbstverständnis und das der dazugehörigen Institutionen ist eher gering. []

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Veröffentlicht am 29.04.2013 - 12:18 · AutorIn: ·
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Dies ist eine redaktionell bearbeitete Arbeitsfassung des Textes von Daniela Hoffmann, Andrea Nikolaizig, Helag Tecklenburg und Martina Werder, welcher unter dem Titel “Zum Aussagewert der Studie ‘Ursachen und Gründe für die Nichtnutzung von Bibliotheken in Deutschland’ / Eine kritische Betrachtung” in der BuB 65(2013)04, S. 296-299 erschienen ist, aber noch nicht online zu lesen ist. Diesen Beitrag veröffentliche ich hier auf Anregung von Herr Philipp Maass und mit Genehmigung durch Frau Nikolaizig.
Der Text soll auch jenen als Diskussiongrundlage zur Verfügung stehen, die die aktuelle BuB nicht beziehen, um so aktiv in die Diskussion um diese Studie und die vorgebrachte Kritik einsteigen zu können.
Eine Zusammenfassung der Diskussion wurde zeitgleich auf Bibliothekarisch.de veröffentlicht.

Wissen wir tatsächlich mehr?

Zum Aussagewert der Studie „Ursachen und Gründe für die Nichtnutzung von Bibliotheken in Deutschland“

Im April 2012 veröffentlichten der Deutsche Bibliotheksverband (DBV) und die Stiftung Lesen begleitet mit intensiver Pressearbeit1 die Ergebnisse der repräsentativen Telefonbefragung  „Ursachen und Gründe für die Nichtnutzung von Bibliotheken in Deutschland“2.  Aus der Perspektive von Lehre und Studium eine komfortable Situation, denn so konnten Studierende im Modul Bibliotheksmarketing  am Studiengang Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK) an einem aktuellen fachspezifischen Beispiel die zuvor im Modul Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft, Schwerpunkt empirische Untersuchungen angeeigneten Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten anwenden. Die Studierenden sollten im Seminar das Untersuchungsdesign einschließlich Fragebogen sowie die Ergebnisse der Studie einschließlich Interpretation reflektieren. Von den Erkenntnissen der ausführlichen und differenzierten Beschäftigung mit den Untersuchungsmaterialen Chartberichte Langfassung3 und Anhang4  sowie dem Interviewleitfaden5 waren alle Beteiligten sehr überrascht. Die Autorinnen des Aufsatzes, zwei Studierende und zwei Lehrende, entschlossen sich deshalb, der Fachöffentlichkeit mit diesem Beitrag ausgewählte Erkenntnisse6  über die Aussagequalität der inzwischen vielzitierten Studie mitzuteilen.

Nutzer und Nichtnutzer

Liest man den Untertitel der Studie, stellt sich als erste Frage die nach der oberen Altersbegrenzung der Probanden bei 75 Jahren7: War das Untersuchungsdesign tatsächlich altersausschließend angelegt8 oder war die /der älteste Befragte diesen Alters? Die zweite Frage ist eine terminologische: Unter Zuweisung eindeutiger Merkmale unterscheidet die bibliothekarische Fachwelt Benutzer und Besuche(r)9. Die Studie arbeitet jedoch mit den Begriffen „Nutzer und Nichtnutzer“, ohne diese eindeutig zu klären. Wurde das Begriffspaar als übergeordnete Begriffskategorie für die Summe der Besucher und Benutzer eingeführt? Die nachzulesenden Definitionen bergen mit ihren unterschiedlichen Beschreibungsmerkmalen Widersprüche10. „Nutzer“ sind laut Studie Besucher und /oder Benutzer, die einmal in den letzten zwölf Monaten physisch vor Ort waren oder Benutzer (Besucher), die in den letzten zwölf Monaten Bibliotheksdienste persönlich in Anspruch genommen haben. „Ehemalige Nutzer“ sind hingegen Besucher und /oder Benutzer, die vor über einem Jahr einmal physisch vor Ort waren ohne das Merkmal Inanspruchnahme von Dienstleistungen. Obwohl zwei grundsätzlich verschiedene Fragen gestellt werden, reduziert die Auswertung des „Nutzer-/ Nichtnutzer-/ ehemalige Nutzer-verhaltens“  ausschließlich auf das Merkmal in den „letzten 12 Monaten, davor oder noch nie in einer öffentlichen Stadtbibliothek oder Gemeindebücherei gewesen zu sein“.11

Was hier wie kleinliche Diskussion anmutet, ist der Anspruch an fachliche Präzision, denn uneindeutige Definitionen oder fachfremde Begriffe beleben die Gefahr der Fehlinterpretation, mindern die Qualität der Ergebnisse und verstellen die Möglichkeit eines Vergleichs mit ähnlichen Studien.

Repräsentativität

Wie viele Probanden wurden tatsächlich befragt? 1.301 wie auf der Titelseite des Chartberichtes12  und im Untersuchungsdesign13 oder 1.300 wie in der Pressemitteilung des DBV14  zu lesen?

Die postulierte Repräsentativität15  im Sinne einer verkleinerten Abbildung der gesamten Bevölkerung Deutschlands, vermutlich mittels Quotenauswahlverfahren16, von 1.301 Befragten ist anzuzweifeln.

Die Stichprobe dürfte lediglich bei jeweils separater Betrachtung der Merkmale Geschlecht, Alter, Bildung, Konfession, Migrationshintergrund und Einwohneranzahl der Heimatgemeinde näherungsweise ein verkleinertes Abbild der Gesamtbevölkerung liefern17. Da die genannten Merkmale voneinander abhängig sind, ist auf dieser Basis die mit dem Begriff „repräsentativ“ suggerierte Verallgemeinerungsfähigkeit der erzielten Ergebnisse nicht gegeben.

Des Weiteren sollte bei zu geringer Probandenanzahl einer Teilgesamtheit auf deren detaillierte statistische Auswertung verzichtet werden. Insbesondere sind separate Auswertungen zu den (Nicht-)Nutzertypen Wechsler (64 Probanden)18 und Stadt/-Gemeindebibliotheksferne (39 Probanden)19 höchst fragwürdig. Brisant wird es, wenn aus den Antworten von 51 Probanden20  sogar Handlungsempfehlungen „zur (Wieder-)Gewinnung von 14 bis 19-Jährigen Nichtnutzern“ abgeleitet werden21.

Eigene Nachrechnungen22  ergaben zudem, dass die Antworten von lediglich 1.280 Probanden in die Auswertung einbezogen wurden, nicht die von 1.301 Befragten23Rundungsungenauigkeiten insbesondere auf den Folien 27 bis 31 des Chartberichtes24 führen zu merkwürdigen Ergebnissen; Beispiel Auswertung der Frage „Assoziationen mit  öffentlichen Stadtbibliotheken und Gemeindebüchereien“25:  Es ist augenscheinlich, dass u.a. 50 und 51 Prozent, 43 und 56 Prozent oder 54 und 48 Prozent jeweils keine 100 Prozent ergeben.

Für die Darstellung der Ergebnisse wurden Stapelbalken-Diagramme verwendet26, die als Summe zwischen 98 Prozent und 101 Prozent ausweisen. Ist erstere Zahl auf fehlerhafte Berechnung, korrekterweise 1280 statt 1301 Probanden bei Herausnahme der Probanden, die zum Merkmal Nutzertyp keine Angabe gemacht haben, oder auf fehlende Prüfung der Nachkommastellen zurückzuführen?

Im Kontext der Ungenauigkeiten ist wohl die unzulässige Überschneidung der zwei Altersgruppen der zwischen 14 – 29Jährigen bei 20 Jahren in der Strukturdarstellung der Stichprobe27 nur als Schreib- und nicht als methodischer Fehler zu werten.

Fragen und Antworten

Die zu stellenden Fragen einer empirischen Datenerhebung werden aus ihren Zielen  entwickelt, ihre Qualität sichert den Aussagewert28 der Untersuchung. So muss sich die Fragequalität der „Nichtnutzerstudie“ am definierten Ziel messen lassen:

„… die vorliegende Studie (liefert) detaillierte, empirisch fundierte und flächendeckende Erkenntnisse über die Gruppe der Nichtnutzer und deren Gründe für die Nichtnutzung von öffentlichen Stadtbibliotheken und Gemeindebüchereien.
Die Studie analysiert und segmentiert die Gruppe der Nichtnutzer und bildet damit die Grundlage für eine zielgruppenspezifische Ansprache der Nichtnutzer. Die vorliegende Untersuchung gibt Hinweise darauf, welche Maßnahmen der Neu- und Wiedergewinnung von Bibliothekskunden für welche Nichtnutzer-Typen erfolgsversprechend erscheinen und praktisch erprobt werden sollten, wie Kommunikationskonzepte aufgebaut sein müssen und Kampagnen geplant werden müssen.“29

In den Telefoninterviews stellte man den Nutzern maximal 40 Fragen, den ehemaligen Nutzern und den Nichtnutzern maximal 56 Fragen, wovon jeweils 14 Fragen solche zur Person waren. Es wurde u.a. mit verschiedenen Fragetypen von Imagebefragungen gearbeitet30, z.B. dem Semantisches Differenzial31, mit Bewertungsfragen32  und Analogienbildung33. Mit Ausnahme von drei offenen Fragen wurden Probanden Antwortmöglichkeiten zur Auswahl vorgetragen, die zwangsläufig ein definiertes Bild von Bibliotheken vorgeben. Es ist festzustellen, dass die Antwortvorgaben manchmal unausgewogen im Sinne von sich überschneidenden Klassen34 sind,  eine bestands- und ortbezogene Sicht auf Bibliothek präferieren, stereotype Klischees bedienen und Nichtnutzer über Dinge urteilen lassen, die diese nicht kennen können. Dazu wenige, jedoch gravierende Belege:

Das Semantische Differenzial stellt Begriffspaare gegenüber35, die mit ihren Extremen ein Bild Öffentlicher Bibliotheken vordefinieren. Es besteht die Gefahr, dass die Befragten beeinflusst werden und sich ein zu erwartendes, stereotypes Bild der Nichtnutzung in den Ergebnissen der Studie niederschlägt. Befragte tendieren zwangläufig zum Positiveren, weil negative Extreme aufgemacht werden, die wohl jeder Erfahrung entbehren36.

Nichtnutzern37 werden telefonisch 27 (!)  mögliche Gründe für ihre Nichtnutzung vorgelesen, die sie mit einer  aus fünf Kategorien38 bezüglich des Zutreffens bewerten sollen. Wie glaubhaft und wie zielführend sind Beurteilungen von Menschen, die noch nie in einer Bibliothek waren, über solche, noch dazu suggestiven Qualitäten wie für u.a. diese: Das Angebot der Bibliothek ist veraltet. Die Medien, die mich interessieren, sind nicht vorhanden. Die Räumlichkeiten sind unattraktiv. Ich habe mit der Bibliothek schlechte Erfahrungen gemacht. Die Mitarbeiter/innen in der Bibliothek wissen nicht richtig Bescheid. Die Mitarbeiter/innen in der Bibliothek sind unfreundlich. Der Zustand der Bücher und Medien ist schlecht39.

Es wurde auch eine offene Frage zur Nichtnutzung gestellt, deren Auswertung vermutlich von Aussagewert wäre, ihre Auswertung wurde leider nicht veröffentlicht.

Die Fragen zu Gründen der Nichtnutzung erweisen sich als oberflächlich. Sie bieten nicht das Instrumentarium, um Strategien für Kundenneugewinnung und den Aufbau von Kommunikationskonzepten  zu entwickeln. Nichtnutzer werden nicht wirklich nach ihren Informations- und Kommunikationspräferenzen gefragt.

Interpretation

Einige Auswertungen und Interpretationen lösen Verwunderung aus. Frage 7 („Jetzt hab ich mal eine ganz andere Frage. Welche Farbe kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an eine öffentliche Stadtbibliothek oder eine Gemeindebücherei denken?“) ist eine spontan-assoziative Frage, wie sie im Zusammenhang mit Milieuermittlungen gern gestellt wird. Die Farbnennung kann sehr unterschiedliche Gründe aus den Gefühls- und Erfahrungswelten von Menschen haben.
In diesem Kontext versteht man zunächst die Hervorhebungen der Farben Grau, Braun und Gelb40 im Chartbericht nicht. Auf den zweiten Blick wird klar, dass die Interpretation die scheinbar negativen Farbassoziationen methodisch falsch auf  räumliche Farbeindrücke reduziert verbunden mit der Handlungsempfehlung, Bibliotheken müssten eine helle Raumanmutung haben. Diese Interpretation lässt die Fragestellung gar nicht zu. Untersuchungen für verkaufspsychologische Konzepte41 sprechen zudem eine andere Farbsprache, sie zeigen, dass sich die Assoziation „sicher, behaglich“, die generell für Verkaufsumfelder als geeignet empfohlen wird, nicht nur mit der Farbe Blau, sondern auch mit Grün und Braun erreicht werden kann. Das könnte so doch auch für Bibliothekskunden42 gelten. Die Farbfrage beantworten im Übrigen 103 (!) Prozent „ehemalige Nutzer“, 103 (!) Prozent „Nichtnutzer“, der Anteil der Nutzer / Sonstiges ist nicht genannt43 .

In einigen Grafiken werden Sachverhalte, die man für prägnant oder dominierend hält, optisch besonders hervorgehoben. Die Auswertung des Semantischen Differenzials über gefühlte  Assoziationen44 zeigt ein zahlenmäßig beinahe ausgeglichenes Verhältnis positiver und negativer Eindrücke an. Jedoch wurden bei „ehemaligen Nutzern“ und „Nichtnutzern“ Zahlen hervorgehoben, die das Bild suggerieren, diese Gruppen verbinden eher negative Eindrücke mit Bibliotheken. Wünschenswert wäre eine aussagekräftige Analyse mittels Kontingenzkoeffizienten.

Handlungsvorschläge

Ein großer Teil der Dokumentation beschäftigt sich mit Handlungsrelevanzen45, die alle aus der Befragung abgeleitet und daraus begründet werden wollen. Viele davon gehen nicht über bereits bekannte Vorschläge und Empfehlungen wie z. B. Bibliotheken ´93 hinaus bzw. fassen Diskussionen in der Fachwelt zusammen46.  Einige stehen unter dem Motto „Von allem mehr“47: Mehr Computer / W-LAN; Mehr Musik auf CDs, DVDs; Mehr Filme auf DVDs mit hoher Handlungsrelevanz. Woher wissen Nichtnutzer, dass es in den Bibliotheken diese Angebote und davon zu wenig gibt?

Widersprüchliches Empfinden rührt sich beim Lesen der  „präventiven Maßnahmen“ zur Bibliothekssozialisation. Die Studie setzt ihren Schwerpunkt bei der Ansprache von 14- bis 19-Jährige Nichtnutzer auf elektronische Angebote. Damit tritt der physische Ort der Benutzung in den Hintergrund. Es stellt sich die Frage, inwiefern diese „zukunftsweisende“48 Zielgruppe als Elterngeneration befähigt sein wird, das Leistungsspektrum Öffentlicher Bibliotheken für Freizeit, Kultur, Bildung an die Folgegeneration weitergeben zu können.

Ganz unstrittig zu teilen ist die Empfehlung, dass man immer daran arbeiten kann, die Realsituation (zu) verbessern (wo notwendig)49 und „auch weiterhin ein professionelles Marketing für die vielfältigen Angebote unserer modernen Öffentlichen Bibliotheken [notwendig] ist50. Das wissen die Kolleginnen und Kollegen in den Bibliotheken, die ihre elektronischen Angebote erweitern, Öffnungszeiten ausdehnen und modernste Technik vorhalten wollen. Sie wissen nur nicht wie, weil sie gleichzeitig z.B. mit Haushaltskonsolidierungen beschäftigt sind oder als gestandene Einzelkämpfer keine Ressourcen zur Weiterbildung haben.

In der Tat wäre ein belastbares Material eine gute Grundlage für die Diskussion mit politischen Entscheidungsträgern. Nur liefert die Studie aufgrund der ungestellten Fragen und ihrer handwerklichen Ungenauigkeiten bedauerlicherweise kein „zitierfähiges Zahlenmaterial, das für eine überzeugende politische Argumentation auch auf lokaler Ebene unabdingbar ist“51.

Dass die Argumentation mit einer geringen durchschnittlichen Marktdurchdringungsrate von 29 Prozent52 verbunden mit der Forderung nach „Mehr“ gegenüber politischen Entscheidungsträgern auf lokaler Ebene überzeugend sein könnte, erschließt sich nicht, diese könnte sogar eher kontraproduktiv sein.


Autorinnen

Daniela Hoffmann und Martina Werder
Studentinnen im 3. Fachsemester Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig
mwerder [at] yahoo.de

Prof. Dr. phil. Andrea Nikolaizig
Lehrverantwortliche für die Module „Bibliotheksmarketing“ und „Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft“ an der Fakultät Medien der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig
nikolaiz [at] fbm.htwk-leipzig.de

Prof. Dr. rer. nat. habil. Helga Tecklenburg
Lehrverantwortliche für den Teil „Beschreibende Statistik“ im Modul „Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft“
Fakultät Informatik, Mathematik, Naturwissenschaften an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig
tecklenb [at] imn.htwk-leipzig.de

Anschrift alle
Hochschule für Technik, Wirtschaft  und Kultur Leipzig
Fakultät Medien, Prof. Nikolaizig
Postfach 30 11 66
04251 Leipzig
 
Fußnoten

  1. Pressemitteilung s. http://www.bibliotheksverband.de/dbv/presse/presse-details/archive/2012/april/article/bibliotheksnutzung-im-kindesalter-praegt.html?tx_ttnews[day]=26&cHash=4fb9ec2ba6, zuletzt gesehen am 28. 01. 3013 und Pressespiegel des DBV, zur Verfügung gestellt von der dbv-Geschäftsstelle []
  2. Studie: Ursachen und Gründe zur Nichtnutzung von Bibliotheken in Deutschland (Langfassung) http://www.bibliotheksverband.de/fileadmin/user_upload/DBV/projekte/2012_04_26_Ursachen_und_Gr%C3%BCnde_zur_NN_lang.pdf, zuletzt gesehen am 28. 01. 2013 []
  3. a.a.O. []
  4. http://www.bibliotheksverband.de/fileadmin/user_upload/DBV/projekte/Nichtnutzungsstudie_Anhang.pdf, zuletzt gesehen am 28. 01. 2013 []
  5. von der dbv-Geschäftsstelle zur Verfügung gestellt []
  6. Der vollständige Text Hoffmann, Daniela; Werder, Martina: Die Studie „Ursachen und Gründe für die Nichtnutzung öffentlicher Bibliotheken“ 2012: Untersuchungsdesign, Ergebnisse, Interpretation.- Leipzig, Hausarbeit im Modul Bibliotheksmarketing, März 2013. – unveröffentlichtes Material wird auf Anfrage bereitgestellt, die Veröffentlichung ist in Vorbereitung. []
  7. Studie… (Langfassung)… a.a.O., Titelblatt (Folie 1) []
  8. ebd. Folie 6 []
  9. http://www.bibliotheksstatistik.de/eingabe/fbarchiv.php []
  10. Studie… (Langfassung)… a.a.O., Folie 10 und Folie 13 []
  11. a.a.O. und Interviewleitfaden []
  12. a.a.O., Titelseite (Folie 1) und Studie… (Anhang), Folie 2 []
  13. Studie… (Anhang), a.a.O., Folie 2 []
  14. http://www.bibliotheksverband.de/dbv/presse/presse-details/archive/2012/april/article/bibliotheksnutzung-im-kindesalter-praegt.html?tx_ttnews[day]=26&cHash=4fb9ec2ba6, zuletzt gesehen 28. 01. 2013 []
  15. Studie… (Langfassung) … a.a.O., Titelblatt (Folie 1) []
  16. Ob ein Quotenauswahlverfahren als Stichprobenverfahren Anwendung fand, lässt sich nur vermuten. Das Verfahren wird nicht benannt, im Anhang zur Studie ist lediglich die Randverteilung aufgeführt. []
  17. Studie… (Anhang), a.a.O. Folie 2 []
  18. Studie… (Langfassung), a.a.O., Folie 43 und 56; Studie…(Anhang), a.a.O., Folien 46 – 55 []
  19. Studie… (Langfassung), a.a.O., Folien 43 und 56; Studie… (Anhang), a.a.O., Folien 63 – 71 []
  20. Eigene Berechnung Datenbasis Studie: Wenn 102 Probanden der Altersgruppe 14 bis 19 Jahre stellvertretend für 8 Prozent der Bevölkerung stehen, wie auf Folie 2 des Anhangs angegeben wurde, dann entsprechen den auf Folie 59 (Langfassung) ausgewiesenen 4 % der Gesamtbevölkerung lediglich 51 Nichtnutzer zwischen 14 und 19 Jahren. []
  21. Studie… (Langfassung), a.a.O., Folien 57 – 60 []
  22. ausführlich Hoffmann, Daniela; Werder, Martina… a.a.O. []
  23. Studie… (Langfassung), a.a.O., Folie 10: Die 1.301 Probanden umfassen auch 2 Prozent (n=21) von jenen, die „keine Angaben“ gemacht haben und demnach „in der weiteren Analyse nicht beachtet [werden].“ []
  24. a.a.O., Folien 27 bis 31 []
  25. a.a.O., Folie 28 []
  26. a.a.O., Folien 30 und 31 []
  27. Studie… (Anhang), a.a.O., Folie 2 []
  28. Faulbaum, Frank; Prüfer, Peter; Rexroth, Margit: Was ist eine gute Frage? : die systematische Evaluation der Fragenqualität. – 1. Aufl. – Wiesbaden : VS, Verl. für Sozialwiss., 2009. – ISBN 978-3-531-15824-2 []
  29. Studie…(Langfassung), a.a.O., Folie 5 []
  30. Faulbaum, Frank, a.a.O. []
  31. Studie… (Langfassung), a.a.O., Folien 27 – 29 []
  32. a.a.O., Folie 30 und 31 []
  33. a.a.O., Folie 25 []
  34. Besonders die Antwortalternativen zur Frage nach der Freizeitgestaltung, s. dazu Studie… (Anhang), Folien 18 bis 22 und zur Frage nach den Themen-Interessen, s. ebd. Folien 16 und 17 verstoßen gegen Fragetechniken. []
  35. hell-dunkel, einladend-abschreckend, kalt-warm, streng-locker, eng-weit, muffig-frisch… s. Studien… (Langfassung), a.a.O., Folien 27 bis 29 []
  36. Faulbaum, Frank… a.a.O. []
  37. Frage F16b Interviewleitfaden und Studie… (Langfassung), a.a.O., Folie 32 ff. Dasselbe Frageraster wurde auch an ehemalige Nutzer gestellt, Frage F 16a. []
  38. trifft voll und ganz zu, trifft eher zu, trifft eher nicht zu, trifft gar nicht zu, ich weiß nicht []
  39. Interviewleitfaden und Studie… (Langfassung), a.a.O., Folie 32ff. []
  40. Studie… (Langfassung), a.a.O., Folie 26 []
  41. vgl. u.a. Bänsch, Axel: Verkaufspsychologie und Verkaufstechnik / Axel Bänsch. – 5., überarb. und erw. Aufl. – München : Oldenbourg, 1993. – ISBN 3-486-22630-4. []
  42. Studie… (Langfassung), a.a.O., Folie 5 wird der Begriff Bibliothekskunde eingeführt []
  43. ebd., Folie 26 []
  44. ebd. Folien 24, 27 und 28 []
  45. ebd. ab Folie 52 []
  46. ebd. Folie 64 []
  47. ebd. Folie 52 []
  48. ebd. Folie 58 []
  49. ebd. Folie 64 []
  50. Schleihagen, Barbara: Ursachen und Gründe der Nichtnutzung von Bibliotheken. – In: BuB 64(2012)7-8 []
  51. ebd., S. 517 []
  52. In den meisten Kommunen liegt sie weit darunter, s. Deutsche Bibliotheksstatistik a.a.O. []
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“Wo Bücher sind, herrscht meist papierne Stille. Vor den Lesesälen der Bibliotheken mahnt ein Schild zur Ruhe, vor der Schrift verstummt die Rede, wenn wir le-sen, schweigt der Mund.” Tilla Schnickmann

Am heutigen „Tag gegen Lärm – dem International Noise Awareness Day“ möchte ich fünf aktuellere Beispiele aus Bibliotheken und deren Forschung zitieren, in denen das Thema Lärm eine Rolle spielt(e). 2010 wurde hier bereits zu diesem Internationalen Tag gegen Lärm ein Blogpost verfasst, der sich auch mit den Klischees der “Shushing Librarians” auseinandersetzte.

Bayerische Staatsbibliothek

Viel Lärm um nichts, oder was war da im März los, in München? Auch in der Bayerischen Staatsbibliothek gab es am 1. März 2013 einen öffentlichkeitswirksamen “Flitzer-Vorfall”. Die Konsequenzen war unter anderem die Verstärkung des Sicherheitspersonals.

Die Bibliothekarin Calypso Nash wurde vor kurzem von der Oxford University entlassen, weil sie Lärm in ihrer Bibliothek zuließ und den derzeit weltbekanntesten Tanz nicht verhinderte. Vergeblich setzten sich ihre Studenten dafür ein, dass die Bibliothekar Calypso Nash wieder eingestellt werden sollte. Es handelte sich um den im Internet weltweit verbreiteten Harlem ShakeIn Australien wurden deshalb auch schon Arbeiter einer Goldmine entlassen, da sie den Harlem Shake unterirdisch durchführten und hierzu ein Video bei YouTube einstellten.

Laut der Studie “Library Services in the Digital Age” des Pew Research Center vom Januar 2013, in der 2.252 US-Amerikaner befragt wurden, ergab dass die sich die Nutzer und Nutzerinnen vier wichtige Angebote in Bibliotheken wünschen: BibliothekarInnen, die dabei helfen Informationen zu finden, Bücher ausleihen zu können, einen freien Zugang zu Computern und zum Internet und an vierter Stelle folgte der Wunsch nach ruhigen Lernorten für Kinder und Erwachsene ebenso. Laura Miller, die Autorin des Artikels “Bring back Shushing Librarians” macht deutlich, dass Bibliotheken insbesondere für Menschen, die nicht über die finanziellen Mittel verfügen an ruhigen Orten zu wohnen und Ruhe zu finden, einen Ort bieten, der ihnen dies ermöglicht.

I can see why someone who works in a hushed library might prefer to see it become as lively as a cafe, street corner, park bench or the Apple Store, but we already have those places to go to when we want to sit and visit or to congregate around a screen. Where will we go when we need some peace?For rich people, that’s not a problem. They live in spacious homes, glide along in hermetically sealed cars, book weekends in restful spas, dine in restaurants where the nearest table is 6 feet away. Quiet is one of the sweetest luxuries they’re able to afford. But most rich people don’t use libraries. For the rest of us, refuge from this cacophonous world is getting harder and harder to come by. Let’s hope librarians are listening to all the patrons asking them not to take it away.”

Lucia Hacker aus Deutschland hat sich 2011 in ihrer Masterarbeit “Lärmort” Bibliothek? : Der Lern- und Kommunikationsort Bibliothek im Spannungsfeld unterschiedlicher Nutzerbedürfnisse am Beispiel der Universitätsbibliothek Erfurt” eingehend dieser Frage vom Lärmort Bibliothek gewidmet und hierzu eine spannende Arbeit abgeliefert. Ihre These lautete, dass jede Bibliothek, insbesondere solche Einrichtungen, welche von der sogenannten “Generation Blogogna” frequentiert werden, über sogenannte Geräuschhabitate verfügen. Dabei zitierte sie Steffen Wawra vom Deutschen Bibliotheksverband, der diese als lebendige Lernorte und Orte der Kommunikation bezeichnet. Das mag sicherlich stimmen, aber es könnte in bestimmten Fällen auch eine euphemistische Beschreibung sein. Herausforderungen liegen nun für Bibliotheken darin, eine möglichst breite Vielfalt an Nutzerbedürnissen nachzukommen. Hacker entwickelte mithilfe von Soundkarten eine “Kartographie des Lärms”. Die Geräuschhabitate sind sich durch den Bibliotheksbau, die Bibliotheksnutzer und das Bibliotheksmanagement zu begründen. Die Autorin der Masterarbeit führte eine telnehmende Beobachtung und eine Online-Nutzerbefragung durch. Ergebnisse hierzu wurden auf den eben beschriebenen “Soundkarten” sichtbar gemacht. Dadurch wurde es möglich für die Erfurter Universitätsbibliothek im Speziellen die Zonen herauszufiltern, in denen es ratsam ist, Ruhebereiche einzurichten.

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“Weiterführende Kooperationsansätze zwischen den Bibliotheken wie zum Beispiel ein länderübergreifender Entwicklungsplan, Bildungsziele,
Qualitätsstandards oder Projektförderung für kommunale Bibliotheken existieren in Deutschland nicht. Bemerkbar macht sich auch das Fehlen
einer Definition der gesellschaftlichen Aufgaben und Zielgruppen von Bibliotheken. Eine fachliche Koordinierungsstelle könnte derartige Aufgaben
übernehmen. Innovative Projekte könnten gefördert, verbreitet und unterstützt werden. Eine Stärkung von länderübergreifenden Koordinations- und Kooperationsmechanismen kann gesamtstaatliche Entwicklungsziele formulieren, Qualitätsstandards abstimmen und einführen und eine erfolgreiche Zusammenarbeit fördern. [...] Die Enquete-Kommission empfiehlt dem Bund und den Ländern die Einrichtung einer Bibliotheksentwicklungsagentur zu prüfen. Diese Agentur kann dazu beitragen, strategische, innovative und qualitätssichernde Zielsetzungen länderübergreifend abzustimmenund umzusetzen.”

Auszug aus dem Schlussbericht der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“

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An Tag 3 des BID-Kongresses ging es ab 9 Uhr unter anderem um Bibliotheken als Akteure der Kinder- und Jugendkultur. In Vortrag 1 “…Billard wäre auch nicht schlecht” dieser Session in Saal 2 handelte es sich um leitdenfadengestützte Gruppeninterviews mit Jugendlichen im Alter von 12-19 Jahren, die in Leipzig durchgeführt wurden. Es ging um die Vorstellung von Ergebnissen aus der StudieDas Image von Bibliotheken bei Jugendlichen”, die auch in der aktuelle BuB-Ausgabe ausführlich erwähnt wurde. Besonders in Erinnerung ist mir das Zitat eines Jugendlichen geblieben, der oder die sagte, “in der Bibliothek darf man fast alles nicht machen”, was mich an den Satz “Man kann nicht nicht kommunizieren” erinnert von Paul Watzlawick. Auch DonBib hatte hierzu schon seine Meinung geäußert. Ronald Gohr plädierte am Schluß des Vortrags dafür Beziehungen mit den Jugendlichen aufzubauen, ähnlich äußern sich auch der Leipziger Bildungsforscher Prof. Dr. Klemm zu den Sudbury-Schulen, der aber leider am Biibliothekskongress nicht anwesend war. Es ist die Autonomie des Kindes, die laut ihm im Vorgrund stehen müßte:

Das ist einmal der Beteiligungsaspekt beziehungsweise die Beteiligungsrechte von Kindern, aber auch von Eltern und von Lehrern. Und der zweite Aspekt ist das Bild vom Kind, also, wie wir so schön sagen, die Anthropologie des Kindes. Das Kind ist ein autonomes, selbstbewusstes Wesen, das ist eigentlich die Präambel auch der demokratischen Schulen. Und dieser Blick auf das Kind, der fehlt oftmals, sage ich, an deutschen Schulen. [...] Auf der Basis der Bildungsselbstbestimmung bestimmen die Schüler, die Kinder – Schüler sind es ja auch keine im klassischen Sinne -, bestimmen selber, was sie selber, wie sie lernen und auch wann sie lernen, und mit wem, ganz entscheidend!

Unabhängig von dem Vortrag von Frau Prof. Dr. Keller-Loibl stellt sich bei mir die Frage, ob sich Konzepte der Sudbury-Pädagogik auch in der Ausbildung und im Studium angehender Bibliothekare und Bibliothekainnen in die Lehr- und Lerninhalte übertragen ließen.

In dem weiteren interessanten Beitrag “Kinderkultur – neue Wege für Bibliotheken dargestellt am Beispiel der Schul- und Kinderbibliothek Kelsterbach” von Meike Kaiser, wurde zu Beginn deutlich, wie angespannt die Haushaltslage für öffentliche Bibliotheken speziell in Hessen sind. Durch noch glückliche Umstände ist die eben genannte Einrichtung im Gegensatz zu 100 anderen in Hessen noch nicht unter dem Rettungsschirm. Kaiser betonte, dass Bibliotheken vielfältiger werden müssen und Kultur und Soziales integrieren müssten. In Kelsterbach wohnen zwischen 50-70 % Migranten. Laut ihrer Schätzung sind es sogar um die 80 %. So bietet die Bibliothek eine Kunstwerkstatt an und verwirklicht kulturpädagogische Konzepte. Sie vermittelt kulturelles und ästhetisches Handeln. Hinzu kommen unter anderem Kinderkinoveranstaltungen, Kindertheater und Kinderkonzerte.

Abschließend würde ich noch ergänzen, dass andere für diese Form der Bibliotheksarbeit auch das Label “Interkulturelle Bibliotheksarbeit” verwendet hätten und diesen Vortrag auf diese Weise so “verkauft” hätten. Ich finde es gut, dass Meike Frau Kaiser es nicht getan hat. Doch wäre eine Kulturalisierung von Kindern, bei denen meisten eher die Groß- und Urgroßeltern schon nach Deutschland kamen, nicht auch eine Form von Ethnisierung? Ist das inter­kulturell kompetente Zusammen­leben nicht häufig von einer derartig kulturalisierenden Gesellschaftstheorie geprägt? Deshalb ist es gerade bei Kindern wichtig, dass diese “normal” aufwachsen und Andersein nicht überbetont wird aufgrund von anderen Muttersprachen, die natürlich eine Bereicherung sind und auch gesprochen werden sollen, aber diesem Falle nicht hilfreich wären. Es sei hier aber auf Prof. Dr. Mecheril von der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg verwiesen, der vor dieser Art der Paternalisierung des vermeintlich kulturell Anderen warnt, die sich leider auch manchmal in Bibliotheken und deren Arbeit mit Migranten niederschlägt:

“Im Diskurs über Trans- und Interkultur wird in der Regel ein Aspekt stillschweigend vorausgesetzt, nämlich dass “wir” über “sie” reden. Professionalität ist wie selbstverständlich an die Mehrheitsposition geknüpft. Sobald es Mehrheitsangehörige mit Minderheitenangehörigen zu tun haben, legen dominante Diskurse “kulturelle Differenz” nahe. Da diese Nahelegung einseitig ist (ein Elend), also kaum thematisiert wird, wie Professionelle mit “nicht-österreichischem” Hintergrund kulturell mit “ÖsterreicherInnen” klarkommen, werden im inter- und transkulturellen Diskurs die Anderen kulturell objektiviert. “Kultur” ist ein Werkzeug der Vergegenständlichung der Anderen, Instrument ihrer Entsubjektivierung. Dies korrespondiert der gesamtgesellschaftlichen Schwierigkeit, “Andere” als Subjekte anzuerkennen. Der in den interkulturellen Milieus heimische Paternalismus beispielsweise bedarf des entsubjektivierten Status der Anderen. In gewisser Weise brauchen “wir” die Anderen, um uns darüber klar zu werden, dass wir es gut meinen.”

In einem weiteren Vortrag dieses Vormittags wurde “Die JungeMedienJury (JMJ) der Stadtbücherei Frankfurt am Main” vorgestellt. Positive Effekte waren, dass der kritische Medienkonsum gefördert wurde, die Diskussionsfähigkeit geschult wurde, jugendliche ein öffentliches Forum und Anerkennung erhielten. Die Leseförderung passierte hier eher indirekt durch BibliothekarInnen, sondern vielmehr durch die peer groups. Es konnten Freundschaften und Netzwerke entstehen, viele haben Gleichgesinnte kennen gelernt. Die Idee dahinter ist, dass Jugendliche selbst ein alltägliches Medium bewerten. Als beratender Kopf, konnte Prof. Dr. Ewers vom Institut für Jugendbuchforschung gewonnen werden. Hierzu wurden Kritikerworkshops abgehalten. Die JMJ fragte und Experten antworteten. Besonders interessant und spannend war sicherlich die Kooperation mit der Litprom, der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Südamerika. Zusätzlich wurde Medien breiter gefasst und auch Computerspiele wurden mit hinzugenommen. Der Spieleentwickler aus Frankfurt am Main, Deck 13 konnte als Partner gewonnen werden. Ansonsten gab es gute Sponsoren wie den Lions Club, dem Drogenreferat der Stadt Frankfurt und prominente Schirmherren und -frauen, wobei die Referentin Frau Roswithe Kopp darauf verwies bei der Auswahl von Schirmpersonen vorsichtig zu sein, dass der Promifaktor wie bei Sabrina Setlur oder anderen z.B. von No Angels nicht das eigentliche Projekt in den Hintergrund stellen darf.

Bei “JuJu – Jugendliche beraten Jugendliche – das Projekt der Stadtbibliothek Oberursel” ging es auch um die Methode “Lehren durch Lernen“. Es gibt dort zum Beispiel auch ein Jugendbüro, in dem ein Sozialpädagoge tätig ist. Das Projekt “Buchdurst” hat mich besonders beeindruckt. Die aktive Beteiligung der Jugendlichen klang sehr interessant, da hier das Gefühl bei den Zielgruppen entstand, dass sie sich mit ihrer Einrichtung besser identifizieren. Trotz einer betreuungsintensiven Arbeit durch die BibliothekarInnen, waren diese vom “Outcome” ihres Projekts sehr angetan. Als Belohnung erhielten Jugendliche freie Getränke, werden bei der Erstausleihe neuer Medien bevorzugt und erhalten Süßigkeiten. Jugendliche beraten auch Erwachsene in bestimmten Fragen. Zum ersten Mal sind diese keine Konsumenten und die Zielgruppe Jugendliche wird selbst an der Bibliotheksarbeit beteiligt. Diese partizipative Element machte auf mich einen großen Eindruck, da dadurch die soziale Kohäsion und das Image der Bibliothek merklich gesteigert werden konnte. Die Bibliothek gewann auch schon den Hessischen Leseförderpreis 2011:
“Auch das Hip-Hop-Leseprojekt, welches das Ju­gend­büro in Zusammenarbeit mit der Stadt­bücherei kon­zi­pierte und mit vielen Schulklassen durchführte, bekam den mit 3.750,- Euro dotierten ersten Preis der Hessischen Leseför­derung. Das Projekt nutzt verschiedene Elemente des Hip-Hop, um leseun­lustigen Schülern Bücher näher zu bringen.”
In Oberursel beraten Jugendliche ehrenamtlich andere Jugendliche z.B. an der Infotheke der Jugendbücherei. Junge noch NICHT-Nutzer/innen kamen dadurch eher, um ihre Klassenkamerad/innen zu besuchen. Entscheidungen, wie etwa zur Einrichtung, der Dekoration oder der Medien des Jugendbereiches, wurden im Konsens mit den Jugendlichen getroffen. Dabei helfen sie auch beim Zurückstellen von Medien mit, sowie bei Projekten und Veranstaltungen.
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Der zweite Tag begann unter anderem mit der Session “Was Ihr Wollt” – Nutzerforschung in Bibliotheken, die von Ulla Wimmer (HU Berlin) moderiert wurde. Dabei möchte ich eigentlich vor allem auf den Vortrag von der Ethnologin und Bibliothekarin Corinna Haas eingehen, die in einer Einführung Ethnographische Methoden in der Bibliotheksforschung vorstellte. Besonders bemerkenswert war, dass bereits Pierre Bourdieu als einer der ersten weltweit 1965 “The Users of Lille University Library” verfasste, was viele Jahre in der anglo-amerikanischen Welt und darüber hinaus wohl kaum jemand zur Kenntnis nahm. Er untersuchte die Bibliotheksbenutzung als Perfomance im Raum und griff als Vorreiter auch Fragestellungen um das Thema “Informationskompetenz” auf. Weitere Infos zum Originaltext hier:

Les utilisateurs de la bibliothèque universitaire de Lille, in Rapport pédagogique et communication, Bourdieu, Passeron, Saint-Martin (eds.) Mouton, Cahiers du Centre de sociologie européenne, 2, 1965, p.9-36; aussi, Les temps modernes, 232, septembre 1965, p.109-220

Doch nach einer kurzen Recherche, stelle ich schon fest, dass es noch mindestens ein weiteres ethnografisches Projekt an einer Universitätsbibliothek in Frankreich gibt, das Anthrolib nicht verzeichnet. 2008 wurde an der “Bibliothèque universitaire centrale de l’Université Toulouse Le Mirail” eine “enquête ethnographique” durchgeführt. Die Publikation hierzu ist “Du lecteur à l’usager”: Ethnographie d’une bibliothèque universitaire aus dem Jahr 2010, welche von der Soziologin Mariangella Roselli und Marc Perrenoud verfasst wurden. Ein 33-seitiger Fachartikel “Formes de réception et d’appropriation des ressources numériques en milieu étudiant” von Roselli zur ethnografischen Untersuchung in Toulouse findet sich unter folgendem Link. Eine lesenswerte Rezension zu diesem Buch findet sich auf der Internetseite von “La Vie des Idées”, wo auch erwähnt, welche Nutzertypen Roselli und Pernoud die B.U. in Toulouse frequentieren. Dabei wird auch auf die Feminisierung des Bibliothekspersonals eingegangen, was einer kritischen Betrachtung unterzogen wurde.

Weitere Erkenntnisse aus dem Vortrag waren, dass es bislang erst insgesamt etwa 60 Projekte ethnografischer Forschung in bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Einrichtungen gab, wovon sehr viele in den USA an der Universität von Rochester durchgeführt wurden, wie auf der Webseite von Anthrolib der eben genannten Einrichtung zu sehen ist.  Dabei waren das sehr unterschiedliche Herangehensweisen von Untersuchungen zur “Information infrastructure in rural libraries in Romania” bis hin zu “How children are using computers”. Hierbei fielen für mich neue Fachausdrücke wie “Participatory Design” oder Space Design, die im bibliothekarischen Bereich bei der Anwendung ethnografischer Methoden einen Schwerpunkt bilden. Werden ethnografische Methoden außer am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaften an der HU Berlin auch an Hochschulen gelehrt? Aufgrund der Tatsache, dass die Vortragsfolien nun schon online sind, will ich nur noch auf die letzte Folie eingehen. Dabei warf Haas einige Fragen auf, die für die weitere Bibliotheksarbeit und -forschung zukünftig eine Beantwortung verlangen: “Brauchen wir mehr Bibliothekare, die ethnographische Methoden in ihrer Einrichtung anwenden oder mehr Ethnografen ( wie Corinna Haas oder Frank Seeliger)? Wer ist überhaupt in der Lage solche Studien durchzuführen? Wie ist bislang hierzu die Interessenlage oder die Finanzierung?”

Sie plädierte dafür ethnografischen Methoden auch in Schulbibliotheken und öffentlichen Bibliotheken auszuprobieren, was bislang noch zu wenige weltweit “wagten”. Warum eigentlich?

Der anschließende Vortrag “Von der Ethnography zum Participatory Design: Qualitative Nutzerstudien als integraler Bestandteil in der (Weiter-)entwicklung bibliothekarischer Services von Kerstin Schoof & Frank Seeliger ist leider noch nicht online. Schorf benannte des Dialog und die teilnehmende Beobachtung als zentrale Elemente, um Rückschlüsse auf neue und geforderte Dienstleistungen der eigenen Einrichtung zu ziehen. Participatory Design wurden in dern 1970er und 1980er Jahren in Skandinavien entwickelt und sieht vor, User/Nutzer systematisch in Planungs- und Gestaltungsprozesse mit einzubeziehen. So wurde bei der Planung des Urban Media Space in Aarhus (Dänemark) die Bürger und Mitbürger (Nutzer- und Nicht-Nutzer von Bibliothek) integrativ mit eingebunden. Dies geschah z.B. mittels Medthoden wie dem World Café und Village Square, aber auch Befragungen. Diese partzipatorische und demokratische Element wäre sicherlich auch für den Neubau der Zentral- und Landesbibliothek unbedingt von Nöten, da viele die Entscheidung für die Errichtung in Tempelhof als autoritativ bezeichnen und deshalb einen Bau mehr um Zentrum der Hauptstadt fordern.

All research is problematic, because it’s historical. It’s like looking out the back of a car.” Terry Leahy

Beim letzten Vortrag dieser Session, den ich sah, ging es um die Neubauplanungen der UB Marburg insbesondere durchgeführte Benutzerumfragen, deren Ergebnisse exakt die einer geisteswissenschaftlich geprägten Universiät widerspiegeln. Begonnen wurde mit dem oben genannten Zitat eines früheren Tesco-Mangers, wenn ich mich richtig erinnere. Der Direktor Hubertus Neuhausen berichtete von 3 Benutzerumfragen, die er im Laufe mehrere Jahre von Mitarbeitern am IBI der HU Berlin durchführen ließ, deren Service er ausdrücklich lobte und weiterempfahl.  Anschließend bewertete deren Ergebnisse, die durchaus Unterschiede aufwiesen, wobei er Interpretationen und Deutungsmöglichkeiten benannte. Für die Nachmittagssessions, welche ich besuchte, werde ich einen weiteren vierten Blogeintrag verfassen.

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Eine weitere Session vom Montag, den 11.03., die ich teilweise besuchte, lautete “Migranten-Communities” besser kennenlernen. Im ersten Vortrag mache Martina Dannert von der Stadtbibliothek den Anwesenden Mut auf potentielle Migranten-Zielgruppen zuzugehen und dort präsent zu sein, wo sich diese aufhalten.

Susanne Schneehorst erzählte im anschließenden Vortrag von ihren Erfahrungen, wie Kontakte, Beziehungen und Freundschaften mit den entsprechenden Menschen entstehen können. Sie lieferte ein exzellentes Beispiel, wie sich über Jahre hinweg durch eine gute Beziehungs- und Kontaktarbeit ein Medienbestand und Veranstaltungen aufbauen lassen. Dabei erwähnte sie unter anderem die rumänische Community, die dem christlich-orthoxen Glauben angehört, die in Nürnberg so zahlreich vertreten ist, dass diese sogar über einen eigenen Bischof aus Rumänien verfügen. Auch die verschiendenen kulturellen Feste wie z.B. die griechischen Nationalfeiertage, den 25.03. und den 28.10. hob Schneehorst stellvertretend hervor, die ein prima Anlass sind, um als Bibliothekar_in sich zu präsentieren, für die eigene Einrichtung und deren Medien- und Veranstaltungsangebote zu werben. Ein Fest, das mir und auch Susanne Schneehorst noch gänzlich neu war, ist Masleniza (Butterwoche), das Russische Frühlingsfest, das in der Fastnachtswoche begangen wird. All diese Tipps und Vorschläge erfordern natürlich, dass sich der (die) einzelne Bibliothekar (Bibliothekarin) außerhalb seiner (ihrer) Arbeitszeit an Wochenenden und Abenden an Treffen von Kulturvereinen, dem Migrationsrat (Integrationsbeirat je nach Kommune trägt dieser eine andere Bezeichnung, in München heißt dieser immer noch Ausländerbeirat) und Stadtteilfesten einen Namen macht und seine bibliothekarische Einrichtung bekannter macht.

Der anschließende Vortrag “An Oppurtunity for Internationalization in Turkish Libraries with Retired Immigrants and International Students” von Frau Esin Sultan Oguz war sehr allgemein gehalten. Woran ich mich besonders erinnere ist, dass die Zahl der englischen Rentner, die ihren Lebensabend in der Türkei verbringen, dem der deutschen Rentner um etwa 10.000 übersteigt. Letztendlich erwähnte Oguz zwar, dass eine stattliche Anzahl an religiösen und ethnischen Minderheiten in der Türkei (z.B. Kurden, Tscherkessen, Armenier, Assyrer, Roma oder Aramäer) gibt, aber benannte die in der Klammer aufgeführten Beispiele nicht. Es scheint in der Türkei – ähnlich wie in Frankreich – keine “echte” interkulturelle Bibliotheksarbeit zu geben, wenn man von einigen touristischen Orten absieht:

In der Türkei sind derzeit ganze 18 Sprachen gefährdet, drei davon bereits ganz ausgestorben. Die Zahlen der UNESCO haben jetzt eine nicht-staatliche Gruppe in der Türkei auf den Plan gerufen. Sie beschuldigen die Regierung, die kulturelle Vielfalt des Landes mit ihrer „Nationalstaats“-Politik auszurotten.” Deutsch-Türkische Nachrichten

Dennoch war dieser Vortrag voller Optimismus und Enthusiasmus, so dass das Publikum den Eindruck hatte, in den nächsten Jahren wird es mehr Bibliotheksarbeit vor allem für Rentner aus dem Ausland, Deutsch-Türken und Touristen geben.

Der letzte Vortrag von Dr. Jan-Pieter Barbian “Eine Geschichte mit Zukunft”. Die Türkische Bibliothek in der Stadtbibliothek Duisburg”  ist nahezu identisch mit dem Artikel “Von der Türkischen Bibliothek zur Interkulturellen Bibliothek” in der Märzausgabe der Zeitschrift BuB S. 215-221.

Um nicht zu pessimistisch über die Türkei zu berichten, möchte ich noch in diesem 2. Teil auf den Artikel in der Leipziger Volkszeitung mit dem Titel “E-Books – die Türken gehen voran” von Lisa Berins eingehen. Wer sich nicht gerade in Sessions begab, die auf Englisch waren, hatte nicht unbedingt das Gefühl, dass dieser Kongress so international war, wie ihn die Leipziger Volkszeitung am 14. März betitelte. Doch es gab Bibliothekare und Bibliothekarinnen aus 25 Ländern, die Teilnehmer/-innen waren. Neben dem Direktor des amerikanischen und des italienischen Bibliotheksverbands, war auch die Präsidentin der IFLA, Ingrid Parent anwesend und es hätte die Gelegenheit gegeben sie am BIB-Stand zu besuchen. Darüber hinaus war auch eine Kollegin aus den Niederlanden zu sehen oder eine Kollegin aus Russland, die ich traf. So meinte Michael Dowling (ALA-Präsident), dass sich die US-amerikanischen Kollegen und Kolleginnen etwas vom türkischen Bibliothekswesen abschauen können, denn dort werden ab nächstem Monat E-Books für jeden Bibliotheksnutzer frei zugänglich gemacht.

Es fällt aber leider auf, dass Jahr für Jahr nahezu dieselben BibliothekarInnen zum Thema Interkulturelle Bibliotheksarbeit auf den Bibliothekartagen vertreten sind, Vorträge halten oder in der Mailingliste ÖB-Multikulturell Beiträge versenden. Leider gibt es oftmals in vielen Kommunen keine “Extratöpfe” für die entsprechende Förderung der Mehrsprachigkeit der Einwohner im Einzugsgebiet der Bibliotheken und die Guidelines for “Library Services für multikulturelle Gemeinschaften” kennen sicherlich viele politische Entscheidungsträger und Geldgeber kaum. Im Gegensatz zu Österreich oder Schweiz, wo man sein Abitur in mehreren Sprachen ablegen kann und auch in manchen Bibliotheken ein mehrsprachiger Bestand nichts Besonderes ist, scheint es hierzulande noch häufig an Rechtfertigungsgründen gegenüber den Unterhaltsträgern zu mangeln. Das Bewußtsein Mehrsprachigkeit, Diversität und die Förderung des kulturellen Pluralismus mag ja bei den meisten BibliothekarInnen sicherlich vorhanden sein, aber die Ganzheitlichkeit, die oftmals mit einer interkulturellen Öffnung verbunden ist, die von der gesamten Stadtverwaltung getragen wird, scheint eher nur in Stuttgart, München, Berlin und Frankfurt und wenigen anderen Großstädten (und wenigen Kleinstädten) vorhanden zu sein. Ist es schon eine Innovationspreis wert, wenn jemand eine Bachelorarbeit zum Thema “Die Bibliothek als Ort der interkulturellen Begegnung” schreibt? Dennoch zeigt sich, dass die Einführung von Gesprächsgruppen für Migranten (SprachGartenInternational-Deutsch sprechen und Menschen treffen“) in der Stadtbibliothek Bremen sicherlich eine gutes Angebot der Bibliothek ist, aber warum der Defizitansatz “SiemüssendochDeutschlernen” als innovativ ausgezeichnet wurde, erschließt sich mir nicht. Ja, ich wundere mich sogar sehr, denn das Hamburger Projekt Dialog in Deutsch gibt es schon länger und “das Neue” in Bremen hat nur einen anderen Namen. Inwiefern werden die EU-Richtlinien 2000/43/EG (Antirassismusrichtlinie) und 2000/78/EG in diesen und vielen anderen Bibliotheken umgesetzt? Das “Language Café” in Nottingham bietet den Ureinwohnern (den Alteingeßenen Nicht-Migranten) die Möglichkeit die Sprachen der Herkunftsländer der Migranten, Flüchtlinge und Asylbewerber zu erlernen. In Nottingham gibt es auch Konversationskurse, bei den Flüchtlinge und Migranten Englisch lernen, aber das wurde nie als innovativ dargestellt bzw. niemand würde das ernsthaft als innovativ bezeichnen. Es war eher das “Language Café” oder die Themen des Konversationskurses, die innovativ und beeindruckend waren. Ein echtes “Language Café” wie das an der TU Berlin (Telquel) setzt aber vor allem Neugier der Biodeutschen voraus und macht zusätzlich Arbeit.

Ich habe im November ein Weiterbildungsseminar besucht und unter den Teilnehmern war eine Studentin mit türkischem Namen. Auf die Frage des Kursleiters, ob sie denn türkisch könne, entgegnete diese sehr schüchtern mit nein. Eine mir bekannte aus dem Iran stammende Deutsch-Kurdin kann kein Farsi (und will es gerne lernen), eine in Deutschland geboren Deutsch-Türkin schämt sich mit Türken aus der Türkei türkisch zu sprechen, da sie viele Fehler macht und die sich nicht immer verstehen. Ein Freund schämt sich zwar nicht Rumänisch zu sprechen, weiß aber das er viele Fehler macht und es langsam verlernt, obwohl es seine Muttersprache ist. Bekannte und Freunde von mir haben nie die deutsche Minderheitensprache Sorbisch gelernt, obwohl sie sorbischer Herkunft sind. Es geht viel verloren in Deutschland. Ein Bekannter, den ich letztes Jahr zufällig in der Nacht traf möchte gerne chinesisch lernen. Wollen wir Bibliothekare und Bibliothekarinnen Vielfalt erhalten oder sprachliche Homogenität fördern? Chinesisch und Türkisch erfreuen sich einem regelrechten Boom. Warum nicht voneinander und miteinander lernen anstatt gelehrt und belehrt zu werden von Mitgliedern der sogenannten Mehrheitsgesellschaft?  Mangelnde Deutschkenntnisse sind nicht allein der anderen Muttersprache geschuldet, sondern bei Deutsch-Türken und Deutsch-Deutschen gleichermaßen vorhanden, wenn diese eher einer bildungsfernen Schicht angehören und nicht aufgrund der ethnischen Herkunft zu erlären. Deshalb ist es dann ein soziales Problem. Experten des Berlin-Instituts beschreiben benannten neun Kernelemente für eine erfolgreiche Sprachförderung, darunter ist der systematische Einbezug der Erstsprache. Inwiefern können Bibliothekare und Bibliothekarinnen, deren Muttersprache meist Deutsch ist diese im Rahmen der Lese- und Sprachförderung leisten? Eine Schlagzeile Anfang des Jahres lautete: “Deutsche lernen begeistert Türkisch – die Deutschlandtürken nicht” und in der Tat besuchen derzeit mehr Deutsch-Deutsche Türkischkurse als Menschen türkischer Herkunft zur Festigung und dem besseren Erlernen deren Muttersprache:

Meine Befürchtung ist es, dass sich die Türken in Deutschland zu einer Gesellschaft entwickeln, die kein Türkisch spricht. Mit Bedauern beobachte ich eine Generation, die nicht in der Lage ist, die türkische Sprache wenigstens als Basis für das Erlernen der deutschen oder einer anderen Sprache nehmen kann [...] Die zweite Generation ist in der Umgebung von Eltern aufgewachsen, die kein Deutsch konnten und nur Türkisch gesprochen haben. Dadurch ist das Türkisch der zweiten Generation relativ besser. Doch nun sind wir mit einer Generation konfrontiert, deren Eltern entweder nicht ausreichend Türkisch sprechen oder es vorziehen, ihren Kindern zu Hause gar kein Türkisch beizubringen – ein solches soziales Phänomen können wir momentan beobachten.” Kemal Basa

Die Preisträgerin der Bachelorarbeit “Die Bibliothek als Ort der interkulturellen Begegnung” zitierte in ihrer Schneehorst et al. und sprach davon, dass Integration nicht die „defizit- und differenzorientierte[n] Perspektive“ einehmen soll, aber diese Gesprächsgruppen scheinen eben gerade dies zu tun. Auch von Beidseitigkeit ist in ihrer Arbeit die Rede, was Integration ausmacht, dass ich anderen auch etwas von meiner Kultur und meinem Erfahrungswissen weitergebe und nicht nur Deutsch lerne. Letzlich gibt es ja schon “Dialog in Deutsch” in Hamburg und was soll denn der “innovative” Unterschied zwischen der neuen Deutschlerngruppe in Bremen im Vergleich mit dem Hamburger Beispiel sein? Serdar Somuncu kritisiert(e) ebenso dieses quantiative Erfassung “Integration” messbar machen zu wollen und die Wortwahl des Nationalen Aktionsplans, dessen Duktus und Intention von ihm durchaus kritisch gesehen wird. Die Autorin der Bachelorarbeit “Die Bibliothek als Ort der interkulturellen Begegnung” zitierte mehrfach in ihrer Arbeit diesen Aktionsplan, der eher etwas von Aktionismus hat und 50 Jahre zu spät kommt.

Dem US-amerikanischen Soziologen Rogers Brubaker zufolge ist seit dem Jahr 2000 in vielen Ländern Europas einschließlich Deutschland ein Return on Assimilation festzustellen. Ob nun Sprachcafé Deutsch oder Dialog in Deutsch (in Hamburg), das mag soziale oder assimilative Bibliotheksarbeit sein, aber strenggenommen ist das nicht die inter-kulturelle Bibliotheksarbeit, wie sie andernorts (z.B. in den USA, Spanien oder anderswo) so genannt wird. Dialog Deutsch erinnert an ein Buch des Goethe-Instituts oder an Dialogpunkte in der arabischen Welt der Robert-Bosch-Stiftung. Das Label “Inter-kulturell scheint hier hier zwar heterogene Migranten aus verschiedenen Herkunftsländern anzusprechen, aber eigentlich hat der Rest des Ureinwohner-Bibliothekspublikums von dieser kulturellen Vielfalt herzlich wenig. Auch in vergangenen Gesprächen mit einem mir bekannten Migrationsforscher hat dieser andere ähnliche Projekte wie das eben genannte nicht als inter-kulturell und innovative Bibliotheksarbeit klassifiziert. Diese Entwicklung macht mich nachdenklich und traurig. Mit der Förderung des Interkulturellen Dialogs hat dies herzlich wenig zu tun.

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Was macht eigentlich die Frage des Ehrenamtes

von Schleiwies, Gerald

Die seit Juli 2012 unter der Leitung der Frankfurter Stadtbüchereidirektorin Dr. Sabine Homilius neu eingerichtete dbv/vdb Managementkommission lud am 18./19.1.2013 nach Berlin. Der gut gewählte Titel „Bibliotheken und Zivilgesellschaft. Freiwilligenarbeit in Bibliotheken – vom Experiment zur Routine?“ brachte leider nur ein gutes Dutzend Teilnehmer ins Auditorium des Jakob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum. Da jedoch auch viele Referenten lebhaft über die zwei Tage mitdiskutierten kann ich trotzdem über eine gelungene Veranstaltung sprechen.

Das lag auch an der sehr guten Auswahl an Referatsthemen, die zum großen Teil schon auf der dazugehörigen Veranstaltungsseite einsehbar sind.

Das zivilgesellschaftliche Engagement bzw. Ehrenamt in Bibliotheken ist sehr viel weiter verbreitet als es die statistischen Zahlen der Jahresberichte vermuten lassen. Die Fragen in der Einladung waren daher vielfältig:

Wie weit darf die Integration gehen? Welche Ansprüche stellen „Ehrenamtler“? Wie ‚hegt und pflegt’ man das ehrenamtliche Engagement? Was ist mit den bibliothekarischen Kerntätigkeiten, die eine Fachausbildung erfordern? Sind Freiwillige aus den Öffentlichen Bibliotheken nicht mehr wegzudenken? Erweist sich die Integration des bürgerschaftlichen Engagements in Bibliotheken als nützliche Brücke in die Zivilgesellschaft? Welche Rechtssicherheit brauchen Engagementwillige? Welche Rechtssicherheit brauchen die engagierenden Bibliotheken?

Der dbv hatte sich zum 100. Bibliothekartag in Berlin in einer mehrfach tagenden „AG Ehrenamt“ zu einem gemeinschaftlichen Positionspapier der Verbände getroffen und dieses Papier dort vorgestellt: Bibliotheken und Bürgerschaftliches Engagement: Eine Standortbestimmung

Vorausgegangen war eine Umfrage, die Dr. Rainer Sprengel für den dbv evaluierte. Zudem wurde ein vbnw Handbuch zur Freiwilligenarbeit die neue Grundlage zu einer dbv Anleitung, die jedoch auf den Seiten des dbv nicht so einfach zu finden ist: http://www.bibliotheksverband.de/fileadmin/user_upload/DBV/themen/ehrenamt/B%C3%BCrgerschaftliches_Engagment_in_Bibliotheken_Handbuch_2011.pdf

Soweit alles klar? Es gibt also umfassendes Material für einen positiven Umgang mit dem zivilgesellschaftlichen Engagement und darüber hinaus viel erfolgreiches Best Practices Material. Auf dieser Fortbildung durfte die HöB, die schulbibliothekarische Arbeitsstelle der Stadtbücherei Frankfurt oder die Veranstaltungsarbeit der Stadtbibliothek Rheine glänzen. (Vorträge siehe Link zur Auswahl)

Bei der AG Ehrenamt gab es jedoch einen Wermutstropfen; der BIB hat zwar die ganze Zeit an dem Papier in meiner Person mitgearbeitet, es wurde letztendlich vom Vorstand jedoch nicht unterstützt und kurzfristig wurde über die Geschäftsstelle ein eigener Entwurf präsentiert.

Und so durfte auch die aktuelle Vorsitzende Kirsten Marschall sich auf der Tagung äußern. Es wurde noch einmal betont, dass bibliothekarische Kerntätigkeiten nur von hauptamtlichem Personal wahrgenommen werden sollen. Aber genau das ist das Problem des BIB Standpunktes: Was sind denn heute die Kernpunkte z.B. einer öffentlichen Bibliothek? Leseförderung? Gerade hier ist das Ehrenamt hochgradig aktiv. Ausleihe, Lektorat, Katalogisierung? Bei den katholischen Bibliotheken organisieren Ehrenamtler zu 90% die zumeist kleinen Einrichtungen nach einer guten Ausbildung ganz allein. Weder Öffnungszeiten sind dadurch gefährdet noch die Auswahl an Medien ist zu bemängeln.

Wer in andere Bereiche des „bürgerschaftlichen Engagements“ blickt bekommt weitere Definitionsprobleme. Wodurch unterscheide sich denn die Arbeit einer freiwilligen und einer Berufsfeuerwehr. Von der Bahnhofsmission über das THW bis zum Rettungsdienst werden viel lebenswichtigere Bereiche ehrenamtlich versorgt als die Öffnungszeiten einer Bibliothek.

Daher ist auch der Metablick der Referate von Dr. Mechthild Scholl und Bielefelds Stadtbibliotheksdirektor Harald Pilzer sehr wertvoll. Viele ehemals ehrenamtliche Tätigkeiten haben sich im Laufe der Geschichte ganz selbstverständlich zur Hauptamtlichkeit gewandelt. In Zeiten knapper öffentlicher Kassen ist eine leichte Rückwärtsdrehung daher nichts Ungewöhnliches.
Die Stadtbibliothek Bielefeld unterhält vier ihrer acht Zweigstellen nur noch aufgrund ehrenamtlichen Engagements. Man hat dort aus der Not eine Tugend gemacht, denn geplant zwar diese Situation nicht.

Eines zeigt sich in allen Bereichen ganz klar. Ohne Hauptamt funktioniert kaum ein Ehrenamt. Die Anleitung und Qualifizierung des Ehrenamtes ist daher eine klare Kernkompetenz und Aufgabe des Hauptamtes. Da gibt es in Deutschland jedoch kaum eine Struktur, mit Ausnahme des kirchlichen Bibliothekswesens.

Nicht nur mein Fazit der zwei Tage ist, dass das Ehrenamt weiterhin als Agendum der Verbände gehandelt werden muss. Noch schöner wäre es dann auch, man wäre sich verbandübergreifend über die Kernfragen zum Ehrenamt einig, dann kann man auch verbindlich über die Aufgaben und Werte von Bibliotheken sprechen und die Angst vor dem Ehrenamt abbauen. Denn bisher geben die Kollegen gute Noten, die bereits Ehrenamtler haben; die Anderen sehen Ehrenamt skeptisch ohne jedoch damit zu tun zu haben (Quelle: Sprengel – Ehrenamtspapier des dbv). Das Konfliktpotential wird sich auch auf lange Sicht nicht beseitigen lassen, denn die grundpolitische Ein- und Fragestellungen schwingen bereits bei der grundsätzlichen Nennung des Themas mit, die jetzige Situation ist auf lange Sicht bibliothekspolitisch ungesund.

Über den Autor
Gerald Schleiwies ist stellvertr. Fachdienstleiter der Stadtbibliothek Salzgitter und Fachgebietsleiter Lektorat und Bestandsaufbau. Für eine zeitlang arbeitete er in der BIB Kommission für Bibliothekspolitik, die zwischenzeitlich aufgelöst wurde und ist in bibliothekarischen Belangen zur Zeit ehrenamtlich nicht aktiv.

Kontakt:
Mail: gerald.schleiwies(at)stadt.salzgitter.de
Twitter @biblioreader
Xing: Account vorhanden
Homepage: http://Schleiwies.net

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