Warum ich einige Bibliotheken mit Onleihe zum Kotzen finde …

Es tut mir Leid, dass ich das so sagen muss, aber die Onleihe und ich werden nie Freunde. Die Onleihe verkauft als defacto-Monopolist ein veraltetes Geschäftsmodell als Erfolg – durch Adobe-DRM unbrauchbar gemachte Bücher werden Bibliotheken für schweineteures Geld angeboten und somit schon mal ein finanzielles Zugangsproblem geschaffen, welches dazu führt, dass Bibliotheken die Digitale Kluft weiterhin verstärken statt zu entschärfen. Und die Bibliotheken lizensieren als ob es kein Morgen und vor allem keine anderen (genauso schlechten) Anbieter gibt, nur um dann toll tönen zu können, dass sie E-Books im Angebot haben. Geschenkt, das ist so und die Macht der Marke reißt eben mit.

Und dann heute die Nachricht, dass die Onleihe zur Verkaufsplattform wird. Na gut, möchte man meinen. Kommt halt jetzt noch ein Kaufbutton dazu (schulterzuck). Bibliotheken werden eben auch eCommerce-Anbieter, wie der Buchreport so schön titelt. Da hofft man bei der Divibib und der ekz wohl, das man mit dem schlechten Angebot (Buch ist ausgeliehen, konnte nicht zuende gelesen werden u.a. Gründe), das große Geschäft macht. Irgendwo denke ich, gibt es einen Fehler im System bei elektronischen Medien, wenn Dr. Jörg Meyer, Geschäftsführer der divibib-Mutter ekz.bibliotheksservice GmbH, das als Erfolg1 verkauft:

“Allein im Jahr 2013 hatten wir bei acht Millionen Gesamtausleihen in der Onleihe mehr als 1,5 Millionen Vormerkungen.”

Und nein, ich finde es von den Bibliotheken, die sich da an der Pilotphase beteiligen, nicht in Ordnung, dass sie sich dafür zur Verfügung stellen. Liebe Stadtbüchereien Düsseldorf, Hamburger Öffentlichen Bücherhallen und liebe Bibliotheken des Onleihe-Verbunds Oberlausitz, warum lassen Sie sich so vor den Karren der ekz spannen und sorgen nicht dafür, dass wenigsten in gewisser Weise noch eine Wahlfreiheit für Ihre Nutzer bleibt? Warum lassen Sie zu, dass Ihre Angebote kommerzialisiert werden? Ist der Bibliotheksnutzer bereits gedanklich soweit zum Kunden geworden, dass er Geld ausgeben soll, damit Ihr Angebot besser aussieht? Das ist aus meiner Sicht nicht mehr Service, sondern der falsche Weg. Verbessern Sie Ihr E-Book-Angebot, in dem Sie die Lizenzbedingungen angehen. Ideen, was man da machen könnte, gibt es viele. Ca 2000 Bibliotheken sind der Onleihe verfallen? Warum setzen Sie nicht auf diese Masse, um Dinge in Bewegung zu bringen?

Ach ja, man kann schnell vergessen, um was es geht, wenn man für jedes verkaufte E-Book Provision bekommt, oder? Wird das Angebot dann nicht noch schlechter, weil gar kein Interesse mehr besteht, Bücher zu verleihen? Werden Sie zum Buchhändler, abhängig von einem Kaufanbieter – in diesem Fall Sofortwelten.de2, der Ihnen irgendwann die Provisionen kürzt und zunehmend Sortiment und Angebotskonditionen bestimmt? Wird Ihr “Ausleihangebot” so gestaltet, dass möglichst viel verkauft wird, um Provisionen einzustreichen? Für was wird das Geld dann ausgegeben? Für die Finanzierung einer immer teuerer werdenden Verkaufsplattform?

„Mit dem Kaufbutton wollen wir nicht nur bekräftigen, dass von digitalen Ausleihplattformen auch Kaufanreize ausgehen, wie es schon mehrfach in internationalen Studien belegt wurde, sondern auch konkrete Kaufvorgänge ausgelöst werden“, so Meyer weiter.

Liebe Bibliotheken, nochmal: Sie verbessern damit nicht Ihren Service für Bibliotheksnutzer, sondern verschlechtern ihn! Bibliotheken waren für mich immer etwas Kommerzfreies, wo ich mich hinbewegen konnte, ohne mehr als meine Jahresgebühr auszugeben, wo ich die Sicherheit hatte, dass ich nicht zufällig Geld ausgebe, das nicht eingeplant war, weil, wenn ich etwas entdeckt hatte, konnte ich es mir leihen. Mag der Verkaufsbutton jetzt vielleicht noch klein sein … – nur wie lange bleibt das so?

Jürgen Plieninger zeigt deutlich, dass wir uns das im realen Leben nicht vorstellen könnten.

Wenn ein Buch ausgeliehen wird, kommt eine örtliche Buchhandlung und stellt einen Stellvertreter ein, auf dem dafür geworben wird, doch das Buch zu kaufen, anstatt zu warten, bis es wieder im Regal auftaucht. Vielleicht gibt es auf diesem Stellvertreter auch noch eien [sic!] Aufkleber, die in grellen Farben zeigen, wie oft das Buch bereits vorbestellt ist, um einen größeren Kaufanreitz zu setzen. Das wäre gut für die Bibliothek, denn sie bekäme eine Provision, falls die Leser/die Leserin das Buch kauft. Und daran ist ja auch nichts schief, es wird ja niemand gezwungen zu kaufen, der Kunde ist König und hat Entscheidungsfreiheit.

Und ganz ehrlich liebe Bibliotheken, Sie setzen mit so einem Verkaufsbutton kein “Zeichen der Verbundenheit mit der Buch- und Verlagsbranche”. Wo bleiben Ihre lokalen Buchhändler? Wer so bei der ekz am Schlauch hängt, tut nix für die lokale Buchwirtschaft3 und macht sich auf Dauer genauso abhängig wie die Kunden von Amazon, die aber i.d.R. wenigstens wissen, dass sie sich da in ein bequemes Abhängigkeitsverhältnis begeben. Das sehen Ihre “Kunden” nämlich nicht. Liebe Bibliotheken, Sie haben einen Ruf zu verlieren und setzen zur Zeit alles daran, das zu tun. Was passiert, wenn wie versprochen dann andere Anbieter hinzu kommen? Muss da für jeden Anbieter ein entsprechend eigener Verkaufsbutton eingeblendet werden?

Ich finde das scheinheilige Angebot der Onleihe zum Kotzen und auch das offensichtlich immer mehr im Kundenbegriff denkende Bibliothekswesen, dass sich auf sowas einlässt! Hier wird etwas als “Win-Win-Situation” verkauft, was nur einen Gewinner kennt und einen großen Verlierer. Und diese Verlierer werden Öffentliche Bibliotheken sein, die in direkte Konkurrenz zu anderen Online-Buchhändlern treten, die ihren gesetzlich implizierten Auftrag verlassen. Sie zeigen damit deutlich, dass Öffentliche Bibliotheken in einer sich digitalisierenden Welt überflüssig werden4, wenn es darum geht, jedermann einen Zugang zu Informationen zu ermöglichen, um am Geschehen in der Gesellschaft teilhaben zu können. Offensichtlich ist dies ein Punkt, bei dem Bibliotheken nicht sehen wollen, dass sie sehenden Auges ihren eigenen Fortbestand gefährden.

[Update]
Es geht schon los. Der Börsenverein sieht Probleme bei den Provisionszahlungen. Da hat der Protest seitens der Vertreter der Verlage und des Buchhandels nicht all zu lange auf sich warten lassen und der Ton wird vermutlich noch ein wenig härter werden, als er jetzt ist.

[Update]
Hier nochmal eine etwas sachlichere Auseinandersetzung von mir hier im Blog:
Onleihe, Kaufbutton, Bibliotheken

Quellen:
Onleihe führt Kaufbutton ein, Onleihe Blog
EKZ bietet Onleihe-Kunden Kauf-Option an: Bibliotheken bauen E-Commerce aus, Buchreport.de
Plieninger, Jürgen: Ein Verkaufsbutton bei der Onleihe?, Netbib
Haupt, Johannes: E-Book-Verleih Onleihe bekommt Kaufen-Option, Lesen.net

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  1. Warum konnten nicht 100% positiv abgedeckt werden? Wir sprechen hier von elektronischen Medien, die nicht physisch irgendwo vorliegen. Es gibt genug Lizenzmodelle, die genau das ermöglichen könnten. []
  2. Tochterfirma der ekz []
  3. Ach ja, die lokale Buchwirtschaft ist lokal und verfügt ja leider i.d.R. über kein eigenes Verkaufsportal. Auch da ist man also auf das Angebot von Marktriesen angewiesen. Hm, wie laut würde die deutsche Buch- und Verlagsbranche aufheulen, wenn Bibliotheken da auf Amazon verweisen würden, so in der Art: Sie besitzen einen Kindle und können daher das Angebot unserer Onleihe nicht nutzen? Hier können Sie das Buch für Ihren Kindle bei Amazon erwerben. []
  4. Lesen Sie bitte auch die Kommentare zu diesem Beitrag vom Mai 2014. Das “Erfolgsmodell Onleihe” ist im Grunde eine teure Mogelpackung für Bibliotheken. []

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Die Grande Bibliothèque von Québec

Beim folgende Imagevideo handelt es sich um die “Nationalbibliothek” der kanadischen Provinz Québec. Ihr Name lautet “Grande Bibliothèque de Bibliothèque et Archives nationales du Québec“. Leider gibt es hierzu keine englischen bzw. deutschen Untertitel, aber im Grunde genommen ist sehr vieles selbsterklärend.

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Bibliotheken, welche die digitale Spaltung verringern (TEDxCharleston)

Andrew Roskill,  ein Unternehmer und Anhänger der Digital Community, ist Gründer und CEO der Firma BiblioLabs.  Sein Fokus liegt auf der Förderung und Bereitstellung von digitalen Produkten.

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Ein Imagefilm der Stadtbibliothek Bremen

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Onleihe – immer noch das einzige ÖB-Tor zur E-Book-Welt?

… oder warum tun wir uns mit einer Einordnung der Onleihe und einer kritischen Auseinandersetzung mit diesem Angebot so schwer?

Die Diskussion, die ich hier widerspiegle, habe ich dankenswerter Weise mit Erlaubnis von Christoph Deeg und Peter Jobmann aus Facebook übernommen. Sie hat heute Nachmittag stattgefunden und soll hier auch ihren Weg aus der engen Facebookwelt herausfinden. Dazu folgen jetzt die Kommentare, die maßgeblich für die Diskussion sind. Nicht übernommen habe ich Zustimmungen durch “I Like”.

Beitrag:

Christoph Deeg:

Interessant. Wird der Anbieter jetzt beginnen daraus ein “professionelles” Produkt zu machen? Und wie geht die Bibliothekswelt mit diesem “quasi-Monopol” um, wenn doch Monopole immer ein Argument gegen Amazon, Google und Co. sind? Und welche Konzepte gibt es für die freien Inhalte wie Blogs?

ZIBB: Onleihe: Bibliotheken leihen online aus, RBB-online.de, 19.02.2014

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[Kurz] Die Onleihe ist kein Flatrate-Modell

… und schon gar kein funktionierendes!

Frau Lison nimmt im Buchreport Stellung zur Onleihe.

Die E-Book-Ausleihe ist – wie alle Innovationen – noch eine relativ unbedeutende Größe, wenn man die Gesamtzahl der Ausleihen betrachtet. Allerdings hat sie gewaltige prozentuale Steigerungsraten, besonders in den Großstadtbibliotheken.

Es besteht Redebedarf mit dem Börsenverein als Vertreter der Verlage. Allerdings – oh, wen wundert es – wurden die Gespräche aus “kartellrechtlichen Gründen” (!) abgesagt, genauso wie im letzten Jahr.

Es ist wohl kein Wunder, nachdem letzte Woche ein Aufschrei durch die Runde ging, die die Städtischen Bibliotheken Dresden würde Bücher deutschlandweit über die Onleihe anbieten. Von einer Flatrate für 10,00 Euro im Jahr war da die Rede und armen Verlagen, die dadurch Schaden erhielten.

Die die Städtischen Bibliotheken Dresden bezogen heute selbst endlich Stellung dazu und nannte die wichtigsten Fakten zur Onleihe: die Ausleihe erfolgt wie bei physischen Büchern 1:1, häufig mit kürzeren Leihfristen und nur für Anghörige der Bibliothek. Unerwähnt blieb die Kritik an diesem Modell, z.B. dass die Nutzung mehr schlecht als recht funktioniert dank eines regiden Digital Rights Managements (DRM) und wirkliche Alternativen zur Onleihe gibt es für Bibliotheken bis heute nicht.

Weitere Informationen zu “E-Book-Flatrates”:
Upmeier, Jessica: E-Book-Flatrates im Vergleich, Lesen.net
Flatrate- und Leihmodelle für Ebooks, AKEP Wiki

Artikel zur Onleihe:
Stuber, Peggy: eBooks leihen: Dresdner Onleihe online und bundesweit nutzen, Lesen.net
Dresdner Bibliotheken bieten E-Book-Verleih bundesweit an : E-Book-Flatrate für 10 Euro im Jahr, Buchreport
Bibliotheken Dresden beziehen Stellung zu ihrem E-Book-Verleih, Buchreport
Barbara Lison erläutert die Sicht der Bibliotheken zur Onleihe, Buchreport

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Ein DRM-Unverständnis-Grummel-Posting (ein kleiner Rant)

Und gleich ein Disclaimer vorneweg: Dieses Posting ist nicht vollständig zuende durchdacht und beinhaltet nur einige Aspekte, diesmal aus der Anti-DRM-Sicht. Eine andere Sicht habe ich im ersten Teil Ein (kleines) DRM-Missverständnis-Grummel-Posting veröffentlicht. Heute gibt es mal die andere Richtung, damit Oliver Flimm nun nicht völlig entsetzt bleibem muss, dass von bibliothekarischer Seite her jemand findet, dass bei DRM alles halb so schlimm ist. Daher ziehe ich das Posting mal vor, das eigentlich für nächste Woche geplant war.

Hartes DRM, weiches DRM – vieles ist ein Risikospiel für Verlage, Bibliotheken und Nutzer.
Nur noch Lizenz statt Eigentum. Je mehr rechtlich digital festgelegt werden kann, desto eher sind Inhalteanbieter dabei, ihr Eigentum bei sich festzuhalten und eine Nutzung nur noch zu ihren Bedingungen zuzulassen. Auf Dauer besteht hier die Gefahr, dass unliebsame Kundengruppen ausgeschlossen werden, z.B. Bibliotheken, die gerne Ihren Nutzern einen Zugang zu den Inhalten gewähren wollen. Sollten hier Content-Konzerne dauerhaft über die gesamte Zeit die Art der Benutzung bestimmen können, sind Meinungsfreiheit und die Wissenschaft ernsthaft gefährdet. Open Access als Alternative wird im wissenschaftlichen Bereich dann auch immer unausweichlicher – publish oder perish, wobei es besser heißt, veröffentlichen und zugänglich bleiben. Bleiben bei Wissenschaftspublikationen dann die Verlage dauerhaft außen vor? Möchten sie durch DRM ihre eigenen Märkte topedieren?

Öffentliche Bibliotheken sollen u.a. auch all jenen Zugang zu Informationen gewähren, die aus eigenen finanziellen Mitteln diesen nicht aufrecht erhalten können. Werden Bibliotheken durch Lizenzen, DRM-Kosten und dergleichen abgehalten, dieser Aufgabe nachzukommen, ist dies ebenfalls ein großer Schaden für die Meinungsfreiheit in deutschen Landen und ein weiteres Armutszeugnis für Verleger und Bibliotheken, die häufig nichts dafür können.

Kreativ gedacht sind Angebote wie Onleihe oder Ciando wohl kaum, wenn die Benutzbarkeit nur schwer möglich ist. Warum versucht ihr krampfhaft alte Geschäftsmodelle festzuhalten mittels DRE? Ach ja, ihr müsst eure Investitionen schützen und die eurer Autoren. Aber schützt ihr die nicht besser, wenn ihr angemessene Umsätze generiert und diese vernünftig ausschüttet? Konzentriert euch vielleicht mehr auf den Service für Autoren und Leser als auf DRM.

Was passiert derzeit: DRM ermöglicht es scheinbar, alte Geschäftsmodelle zu verfeinern, z.B. keine Weggabe mehr von einem Buch, wobei der Konsument gegen die Bezahlung einer einmaligen Summe Geld das Eigentum am Träger Buch/CD erhielt. Danach galt der Erschöpfungsgrundsatz und der Käufer konnte mit dem Buch bzw. der CD machen, was er wollte (verschenken, vererben, verbrennen, ein Privatkopie anfertigen usw.). Heute bleibt das Eigentum beim Vertreiber und es geht nur noch um Zugänge, die dann durch den Contentanbieter sogar dauerhaft kontrolliert werden können (Lizenz) und für die immer wieder Geld verlangt werden kann (fürs Hosting, für die Fortführung der Lizenz, für die Archivierungsrechte, für die Aktualisierung etc.) – boah, die Entdeckung des eigenen Goldesels. Dadurch verschieben sich die rechtlichen Relationen genauso, wie die uns suggerierten, wenn es um Eigentum geht, d.h. Eigentum wird zugunsten von Zugang abgelöst. Und frecherweise wird dann besonders im privaten Bereich auch noch einfach behauptet, Eigentum sei etwas Belastendes, das man immer mit sich rumschleppen muss, das einen die Luft zum Atmen nimmt und das einschränkt. Wer heutzutage materielle Dinge sammelt ist sehr schnell ein Messi. Also, alles für die persönliche Freiheit! (Ergänzt: Die neuen Relationen im Bezug aufs Recht sind sehr gut gut erklärt bei Oliver Flimm.)

Was transportiert der DRM-Anwender nach Außen? Es sind die gleichen Argumente, die man schon im Rahmen von Musik und Videospielen gelesen hat, aber sie gelten auch hier. Lieber “Käufer”, du bist so dumm, schlecht zu nutzende und restriktiv lizensierte Ware zu kaufen. Vermutlich bist du auch ein potentieller Dieb “geistigen Eigentums” und deshalb müssen wir uns und unser Eigentum (was ja eigentlich den Autoren gehört, aber gut an dieser Stelle) vor dir schützen. Deshalb sagen wir, du bist kriminell und wir ergreifen alle möglichen Sicherheitsvorkehrungen, um dir das auch zu sagen.

DRM kostet und ist häufig wenig effektiv. Schon nach kurzer Zeit gibt es umtriebige Gesellen, die die Schwachstellen in den Systemen ausfindig machen und somit eure Entwicklungskosten für DRM, selbst wenn ihr es einkauft, nach oben treiben. Dadurch werden eure digitalen Produkte teuerer als sie sein müssten. Legt lieber Wert auf gute Qualität bei Layout, Rechtschreibung und Grammatik als auf den Schutz vor Piraterie. Ein Großteil Nutzer ist bereit, für elektronische Medien zu zahlen, wenn sie dabei Zeit sparen, eine schlechte, aber immerhin bessere Qualität als DRE-kastrierten Schrott aus anderen Quellen zu beziehen, die euch kein Geld einbringen.

Lizenzen und somit auch DRM zerstören Kindheitserinnerungen. Wer heute seinen Kindern diese bunten elektronischen Bücherchen kauft, die DRM geschützt sind, verhindert, dass diese Kinder später dieses bunte E-Book mit seinen Kindern anschauen kann. Verlage werden wohl kaum die Bücher langzeitarchivieren, es sei denn es lässt sich damit Geld verdienen. Bibliotheken werden diese Bücher nur schwer auf Dauer archivieren können, wenn falsch eingesetztes DRM einen Zugriff auf die Datei verhindert, z.B. weil Nutzungszeiträume abgelaufen sind, die Datei auf zu vielen Geräten bereits installiert wurde oder schlichtweg die Formatierung in eine aktuellere Formatversion eine nicht zulässige Bearbeitung der Daten darstellt. Langzeitarchivierung ade!

DRM schafft Abhängigkeiten. Ein Trend zur Globalisierung ist da bereits seit Jahren zu beobachten. Wer bei Amazon kauft, kann seine E-Books nur mittels weiterer Amazon-Produkte lesen. Wer bei Ciando kauft, kann sein E-Book nicht auf einem Amazon-Produkt lesen usw. DRM-Server werden im großen Stil von Adobe betrieben. Man ist also an verschiedenen Stellen an riesige Anbieter gebunden. Diese erhalten zunehmend eine Monopolstellung und werden somit entscheidend bei der Wahl- und Meinungsfreiheit, die darunter erheblich leidet. Diese Anbieter können dann auch zunehmend den Autoren und kleineren Verlagen ihre Bedingungen diktieren und zuallerst natürlich den Lizenznehmern auf Konsumentenseite.

Liebe DRM-Befürworter, glaubt ihr tatsächlich mit hartem Digitalem Rechtemanagement habt ihr den Stein des Weisen gefunden? Die Lösung all eurer Probleme mit den digitalen Medien und ihren Eigenheiten? Macht ihr euch da nicht eigentlich mehr Stress als es notwendig ist (Stichwort: Vertrauen und nicht Vorverurteilung), schließlich gibt es bereits Gesetze, die euch da genug Handhabe bieten, sollte es zu Urheberrechtsverletzungen kommen. Wenn schon DRM, dann vielleicht doch eher ein forensisches, vielleicht auch gut sichtbar, dass eben auf den Seiten eingeblendet wird, wer das Ganze erworben hat ( nicht so optimal, aber besser als Restriktionen, die vom Gesetzgeber auferlegte Schranken aushebeln). Und warum nicht einfach vorneweg eine Erinnerung an den Leser, dass er eine rechtliche und moralische Verpflichtung hat, im Umgang mit dem E-Book das Urheberrecht zu wahren. Leicht verständlich ist für viele so eine Bitte auch nachvollziehbar.

Jetzt gäbe es sicherlich noch viel mehr zu sagen, aber nachdem ich nun einen halben Roman geschrieben habe, der in beide Richtungen austeilt, sollte es erstmal reichen. Beide Seiten sollten einmal drüber nachdenken, worüber sie sich schreiten. Auf der einen Seite ist nicht alles schwarz und auf der anderen auch nicht alles weiß. DRM muss in all seinen Vor- und Nachteilen betrachtet werden (wenn auch in der Ausprägung des DRE eher keine Vorteile zu finden sind). Und sicherlich bräuchte es noch eine detailliertere Betrachtung in Bezug auf wissenschaftliche Literatur und Freizeitlektüre 😉 Vielleicht ein andermal…

So, beste Grüße auch an jene, die sich ebenfalls zu DRM auslassen im Ramen der Blogparade von Ansgar Warner: Blogparade: Lesen ohne Limit – E-Publishing jenseits von DRM, e-book-news.de ein paar Gedanken niederschreiben.

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Besitz ist nicht gleich Eigentum

Es ist ein schöner Beitrag von Constanze Kurz, der da im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen zu lesen war. Aufhänger war der in der Netztwelt stark berichetete Fall der Nutzerin, deren Amazon-Account geschlossen wurde1 und die dann nicht mehr auf ihre E-Books zugreifen konnte, auch wenn sich Amazon durch das durchweg negative Medienecho gezwungen sah, den Account wieder zu öffnen.

Kurz beschreibt sehr gut diesen Vorgang und wichtig finde ich auch die klar beschriebene Erkenntnis, dass aus den “hässlichen Details im Kleingedruckten der Nutzungsverträge” – die meiner Meinung nach, kein Otto-Normal-Verbraucher versteht – hervorgeht, dass der “Käufer” nur ein Nutzungsrecht erwirbt, jedoch i.d.R. “kein Eigentum im herkömmlichen Sinne”. Juhu, jemand hat es verstanden und bringt das nun gut verständlich in die Masse der papierlesenden Menschheit, die das Eigentum an der Zeitung erworben hat.

Ach, hätte ich doch den Beitrag jetzt nach den äußerst wahren Bemerkungen zum Problem der fehlenden Erreichbarkeit von Menschen in diesem System beendet, denn nun schafft es Kurz ihre anfänglich juristisch richtigen Bemerkungen genau ins Gegenteil zu verdrehen.

Kurz schreibt:
“Viel wichtiger jedoch ist die grundsätzliche Frage nach dem Besitz digitaler Werke. Nicht nur der amerikanische Anbieter Amazon, auch die deutsche Verlaugsbranche verkauft elektronische Bücher vorzugsweise in einer Form, die es dem Kunden stark erschwert, eigene Sicherheitskopien beispielsweise als Vorsorge für Festplattenausfälle anzufertigen oder das gekaufte Werk auf ein anderes Lesegerät zu transferieren.”

Ich habe mal die Punkte in diesem Absatz hervorgehoben, auf die ich jetzt wegen ihrer Falschheit oder falsch damit verbundenen Annahmen eingehen werde.

Wie Kurz anfangs richtig schrieb, erwirbt der Nutzer eben kein Eigentum an der digitalen Datei, sondern nur eine Lizenz, mit der er die in seinem Besitz befindlichen Daten nutzen darf. Wichtig sich zu merken ist also, dass man nur den Besitz und die Erlaubnis zur Nutzung der Daten erwirbt, jedoch die Daten selbst bzw. deren Datei nicht ins eigene Eigentum übergehen, d.h. die Daten gehen nicht in mein Eigentum über (böse juristische Feinheit, die aber bei Lizenzen immer gilt).

Wenn die Dinge nicht mein Eigentum sind, dann sind Sie noch immer im Eigentum dessen, der mir deren Besitz überlassen hat und damit kann er die Grenzen festlegen, sofern sie moralisch okay sind, was mit diesen Daten gemacht werden darf und was ist. So ist es ja auch mit der von mir gemieteten Wohnung, in der ich nicht einfach Wände wegreißen, deren Grenzen (z.B. durch Anbau eines Balkons) ich nicht verändern, die ich nicht anderen dauerhaft überlassen und die ich nicht plötzlich für Erwerbszwecke nutzen darf, ohne vorher Rücksprache mit meinem Vermieter (Eigentümer der Wohnung) gehalten zu haben.

Man erwirbt zudem nur eine Lizenz zur Nutzung und kauft nicht das Werk. In dieser Lizenz ist genau festgelegt, was man darf und was nicht. Anders als mit meinem Eigentum, kann ich also mit den lizentzierten Büchern nur in dem Rahmen umgehen, die durch den Lizenzgeber (i.d.R. der Rechteigentümer) erlaubt ist. Das bedeutet, dass er auch Sicherheitskopien untersagen kann, die eigentlich im Rahmen des Urheberrechts erlaubt sind. Hier gilt nämlich ein zivilrechtlicher Vertrag, den Sie akzeptieren, sobald sie das Recht zur Nutzung durch eine Lizenz erwerben. Die meisten Anbieter haben erkannt, dass die Einschränkung auf ein Gerät nicht sinnvoll ist und erlauben das Transferieren der Daten auf mehrere. Hinzu kommt, dass dabei auch häufig Speicherplatz zur Verfügung gestellt wird – auf den Servern des entsprechenden Anbieters – auf dem diese als Sicherheitskopie gespeichert werden können.

Zurecht fordert Kurz ein Ende des Rechtezwangsmanagement (hartes DRM, Digital Rights Enforcement), mit dem die Buchbranche die gleichen Fehler wiederholt, wie sie der Musikindustrie teuer zu stehen gekommen ist. Sie treiben ihre eigenen (potentiellen) Käufer in die Illegalität, kriminalisieren sie bereits dann, wenn sie für die Nutzung Geld zahlen und eigentlich darauf achten, dass sie digitale Bücher legal nutzen. Die Anghängigkeit von Geräten, Software und einem Anbieter wird dafür sorgen, dass sich die Nutzer Alternativen suchen. Außerdem erschweren die Anbieter auf diese Weise die Archivierung und den zurecht dauerhaft geforderten Zugang zu den derzeit zeitlich uneingeschränkt lizenzierten Werken. Dort ist zudem vieles ungeklärt, wenn es z.B. um die Aktualisierung auf neue Auflagen bei Wissenschaftsbüchern oder dem beibehalten alter Auflagen von Büchern für die Bearbeitung von Editionen etc. geht.

Kundenrechte müssen stärker eingefordert und unterstützt werden. Bibliotheken sind hier gefordert. Sie müssen stärker an die Öffentlichkeit treten. Dass das Thema dort aber nur langsam und unsortiert ankommt, ließ sich in den Diskussionen der letzten Zeit wahrnehmen. Angebote wie die Onleihe oder von Ciando werden häufig unkritisch trotz hartem DRM ins Portfolio übernommen, damit man gerade als Öffentliche Bibliothek sich überhaupt den Button “E-Book-Bestand” anheften kann. Aber auch aufgeklärte Nutzer müssen Druck ausüben, damit sich etwas bewegt.

FAZ-Feuilleton:
Kurz, Constanze, Aus dem Maschinenraum: Die Flüchtigkeit digitaler Besitztümer, FAZ

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  1. Eine kleine Auswahl an Berichten:
    Herb, Ulrich: DRM, Amazon, E-Books & Lizenzen: Ein Lehrstück, Scinotopica
    Beuth, Patrick: Lesen verboten, Zeit online
    King, Mark: Amazon wipes customer’s Kindle and deletes account with no explanation, The Guardian
    Bekkelund, Martin: Outlawed by Amazon DRM, Martin Bekkelund
    Cory Doctrow: Kindle user claims Amazon deleted whole library without explanation, BoingBoing.net
    Rest, Jonas: Amazon löscht Bibliothek – und schweigt, Frankfurter Rundschau
    Phipps, Simon: Rights? You have no right to your eBooks., Computerworld.uk
    []

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Ein kleiner Horrorfilm, oder?

Horrorfilm, der zweite heute1. Von diesem Film “The Book that can’t Wait” bin ich perspektivisch gesehen nicht begeistert und hab da eher sehr gemischte Gefühle bei dem, was nun machbar und somit auch denkbar ist:

(Video aus Urheberrechtsgründen gesperrt)

[Update] Dann eben hier schauen:

Eterna Cadencia, an independent publisher and bookstore in Argentina, published “The Book That Can’t Wait” (El libro que no puede esperar) to launch a new anthology Latin American authors. Working with DraftFCB they developed an ink that would disappear when it came into contact with sunlight and air, meaning that once the book was opened the words would only last for two months before disappearing. Advertising pointed out that if people don’t read new authors soon, they may never be able to.

Als Kunstprojekt mag “El libro que no puede esperar” (Originaltitel) das vielleicht hinnehmbar sein, als Gag und Werbeaktion vielleicht ganz lustig und interessant, aber dennoch kann sich daraus der Tod des Buches entwickeln. Ich möchte nicht schwarzmalen, aber bei derzeitigen Diskussionen rund ums Urheberrecht ist doch recht schnell denkbar, dass man damit den Erschöpfungsgrundsatz, der beim Kauf eines Buches gilt, einfach aushebelt. Wenn das Buch nur einmal lesbar ist, dann hat man viel Müll produziert und kann schnell das nächste Exemplar für teures Geld an Mann oder Frau bringen. Mag die Herstellung jetzt noch zuviel Geld kosten, so wird sicherlich jemand das Herstellungsverfahren verbessern und dann macht der Rest die Masse.

Bibliotheken blieben dabei außen vor, denn sie könnten diese Bücher nicht mehr verleihen. Ein bißchen habe ich das Gefühl, dass sich hier ein Modell der Onleihe auf ein analoges Mediem übertragen lässt. Ein Buch, dessen Ausleihfrist nie überschritten werden kann, weil es sich vorher selbst löscht. So ein Buch ist nix für die Ewigkeit und garantiert der Horror in Sachen Langzeitarchivierung 😉 .

Aber spannend war es doch, dem ganzen zuzusehen, ein bißchen wie einen Horrorfilm schauen.

Geschrieben wurde bereits relativ viel über dieses Buch:
The Book That Can’t Wait, Cannes Lions
the book that can’t wait is printed in disappearing ink, designboom
Aziz, Ali: Read This Book In Two Months Or The Words Will Disappear From The Page, psfk


Aufmerksam geworden über

Pauser, Josef: The Book that can’t Wait, VÖBBLOG

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  1. Weil so, wie in diesem Film, will niemand seine Bibliothek sehen, reduziert auf Optik und Haptik, anstatt auf Menschen, Service und Kommunikation. []

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