Dieser Beitrag versucht ausgehend von meinen Erfahrungen auf den letzten beiden Bibcamps eine Brücke zwischen Medienpädagogik und Bibliothekspraxis zu schlagen.

Präambel

Meine Barcamp-Erfahrungen beginnen auf dem Educamp 2010 in Hamburg. Dort machen Lambert Heller, Anne Christensen und Edlef Stabenau Werbung für ein bald stattfindendes Bibcamp in Hannover. Da ich mich in der Zeit gerade mit Paul Otlet beschäftige und anhand der Kommentare der in den Sessions ebenfalls anwesenden Bibliothekare bemerke, dass Pädagogen und Bibliothekare vor ähnlichen Herausforderungen und Problemlagen stehen, entscheide ich mich das in Hannover ausgerichtete Bib3 zu besuchen. Auch wenn ich übertreiben würde, wenn ich jedes Thema als „interessant“ und „für mir wichtig“ etikettiere, so finde ich doch in jedem Slot mindestens ein, meistens eher zwei Sessionsvorschläge, die mich interessieren. Auch wenn meine eigene Session zur Medienkompetenz, wegen meines Versuches, sie zeitlich stark zu komprimieren nicht allzu gut funktioniert, so sind die Erfahrungen positiv genug, dass ich mich traue, mehreren Bibliothekaren auf Twitter zu folgen. Das Gezwitscher ist überwiegend interessant,  sodass auch das Bib4 in Hamburg schnell den Weg in meinen Terminkalender findet.

Das Bib4

Ich will an dieser Stelle weniger auf die einzelnen Sessions eingehen, da diese im zur Veranstaltung gehörenden Wiki mittlerweile gut dokumentiert sind – bzw. sich auf dem Weg zu einer guten Dokumentation befinden (das sollte man von Vertretern einer Zunft, die sich auch mal als Dokumentationswissenschaft bezeichnete allerdings auch erwarten ;-)).

Generell fällt mir aber auf, dass es mehrere virulente Themenbereiche gibt, die alle so stark interessieren, dass daraus „Megasessions“ werden, die über 50 Interessenten anziehen oder mehrere Sessions vereinigen. Soweit ich das als „Außenstehender“ einschätzen kann, sind die folgenden Thematiken brandaktuell:

  1. Informationskompetenz, wobei die Fragen lauten: Was ist Informationskompetenz, wie kann ich sie vermitteln, welche Tools helfen mir dabei?
  2. Die Organisation und Sichtbarmachung des eigenen Datenbestandes. Dazu zähle ich Diskussion um Bibliothekssoftware, ihre Anbindung an das Semantic Web aber auch die Gestaltung von „Userinterfaces“.
  3. Der Themenkomplex „E-Bibliothek“, in welchem neue digitale Formate und Lizenzen sowie der Umgang mit diesen diskutiert werden.

Gemeinsame Handlungsfelder

Insbesondere der erste Themenbereich war für mich sehr interessant, was daran liegt, dass die Vermittlung von Kompetenz (oder pädagogisch korrekter formuliert: die Unterstützung beim Kompetenzerwerb) eine genuin pädagogische Tätigkeit ist. Dabei fiel mir auf, dass auch die Bibliothekare mittlerweile eine sinkende Wirksamkeit der klassischen pädagogischen Formate (Schulung) erleben und nach alternativen Vermittlungsmethoden suchen.

In der Session zum Microlearning tritt das Problem, dass die Zielgruppen immer schwerer zu erreichen sind ans Ziel. Die vorgeschlagene – und für mich sehr einsichtige – Lösung besteht in der Erstellung kleiner (multimedial aufbereiteter) Lerneinheiten wie z.B. Screencasts. Auch wenn die Idee des Microlearning an sich uralt ist und z.B. von Sprachenlernkalendern wahrscheinlich von  vielen schon praktiziert wurde, ändert das nichts an ihrer Aktualität. Im medienpädagogischen Bereich wird diese Lernform aktuell vor allem im Zusammenhang mit mobilen Lernen und Augmented Reality – Anwendungen diskutiert (Stichwort: Geocaching).

Dabei wandeln die Bibliothekare ihr Rollenverständnis als „Lehrende“ insofern, als sie nicht mehr als „klassischer“ Pauker in Erscheinung treten, sondern durch selbst gestaltete Produkte mittelbar einen (evtl. informellen) Lernprozess unterstützen. Diese Zentrierung auf ein lernförderndes Medienprodukt hat sich in der Mediendidaktik schon als Konzept manifestiert und wird vor allem von Michael Kerres und seinen Mitarbeitern an der Uni Duisburg und dem angeschlossenen Learning Lab unter dem Label „gestaltungsorientierte Mediendidaktik“ vorangetrieben (einführendes PDF).

Doch nicht nur die Vermittlung von Informationskompetenz weißt durch ihren didaktischen Charakter eine Verbindung zu (medien-)pädagogischen Forschung- und Handlungsfeldern auf. Auch das Konstrukt der Informationskompetenz selbst ist m.E. durchaus in der Lage den Diskurs der Medienpädagogik zu erweitern – wobei diese Ansicht eher eine persönliche ist, als dass sie im Fachdiskurs der Disziplin verhandelt wird. So definiert die klassische Medienpädagogik ihren Aufgabenbereich vor allem in der Vermittlung von Medienkompetenz, einem sehr vielschichtigen und stark diskutierten Begriff, welcher über alle Definitionen hinweg jedoch einen gemeinsamen Kern besitzt: Das lernende Individuum soll dazu befähigt werden, in einer von Medien geprägten (sozialen) Umwelt selbstbestimmt zu agieren. Medien sind in dieser Perspektive vor allem Instrumente zur Kommunikation– Medienpädagogik ist hier „Pädagogik ÜBER Medien“ (was durchaus auch durch Pädagogik MIT Medien erreicht werden kann):

„‚Medienkompetenz’ wird heute in der Regel verstanden als Anforderung an alle Menschen der modernen Gesellschaft, aktiv an den neuen Medienentwicklungen teilzuhaben, und zugleich als Programm einer spezifischen Förderung, die dazu dienen soll, von der Handhabung der Gerätschaften über auch medien- und nutzerkritische Perspektiven bis zu produktiven, ja kreativen Aspekten den Umgang der Menschen mit den Medien-Sets zu unterstützen“ (Baacke 1996, S. 114).

In Zeiten, in denen Medien als Informationsmittel dienen und somit auch Mittel der Kommunikation sind, beschreibt Medienkompetenz die Fähigkeit, alle Arten von Medien für das Kommunikations- und Handlungsrepertoire einzusetzen und sich dadurch die Welt aktiv anzueignen (vgl. Baacke 1996, S. 119). Damit geht einher, „Fähigkeiten zu entwickeln, [Medien] selbstbewusst und interessenorientiert nutzen zu können, um dabei die eigene Identität zu entwickeln und sich in der Gesellschaft zu verorten“ (von Rein 1996, S.12).

Die meisten Diskussionen um den Begriff lassen sich letztendlich auf Dieter Baacke zurückführen, welcher vier Dimensionen der Medienkompetenz benennt und Medienkritik, Medienkunde, Medienhandlung und Medienproduktion unterscheidet (genauer z.B. bei Mediaculture online). Insbesondere in der Medienkritik geht es um ein Einschätzen des Wahrheitsgehalt und der Relevanz von Informationen, was – so mein Eindruck – auch der Kern der Informationskompetenz ist. Dadurch, dass die Bibliothekare in die Vermittlung von Informationskompetenz auch die Handhabung neue medialer Dienste (z.B. Web 2.0-Applikationen) mit einbeziehen, tritt auch eine instrumentell-qualifikatorische Dimension zu Tage, welche auch in der Medienkompetenz enthalten ist. Zwischen beiden Begriffen besteht also eine Schnittmenge und insbesondere die aktuellen Diskussionen der Enquette-Komission zeigen, dass Informationskompetenz als wesentlicher Bestandteil von Medienkompetenz gedacht werden muss.

Noch deutlicher wird diese Verbindung, wenn man den deutschen Tellerrand überschreitet und den internationalen Diskurs um Media Literacy beachtet. Der Literacybegriff verortet sich näher an klassischen Kulturtechniken wie z.B. dem Lesen. Dabei werden weniger konkrete (dimensionierte) Lernziele ausgegeben, sondern vielmehr ein Stufenmodel propagiert. Die erste Ebene beschreibt den Acces, die zum Zugang zu Medien nötigen Fertigkeiten (für das Internet z.B. das Wissen Browser, Internetverbindungen, etc.). Darauf aufbauend beginnt die Stufe der Navigation. Hier geht es das Internet selbstbestimmt aber überwiegend passiv konsumiert zu nutzen – z.B. durch richtige Suchangaben bei Google. Die oberste Stufe stellt schließlich die Creation da – wo selbst Beiträge erstellt werden sollen (vgl. ausführlicher z.B. Sonia Livingstone, zum Vergleich von Literacy, Kompetenz und ähnlichem: Bachmair 2010). Die jüngste Diskussion geht dahin, dass immer stärker betont wird, dass die Vermittlung von Media-Literacy auch einer angemessenen Lernkultur bedarf. So betonen Henry Jenkins et. al. im sogenannten White Paper die immense Bedeutung einer Partizipatory Culture für Erwerb von New Media Literacys.

Berührungspunkte

Neben der direkten Überschneidung im Handlungsfeld „Medienkomptenz/Media-Literacy/Informationskompetenz“ gibt es auch mittelbare Berührungspunkte zwischen Medienpädagogik und Informationswissenschaft. So führt der oben beschriebene Wandel des Rollenverständnisses des Mediendidaktikers hin zum mediengestaltenden Akteur dazu, dass Medienpädagogen immer öfter in die Situationen kommen Wissen organisieren zu müssen, wodurch Wissensmanagement zur Schlüsselqualifikation medienpädagogischer Kompetenz wird.

Die E-Bibliotheksdiskussionen sind insofern interessant, dass neue Lizenzierungsbedingungen eine Auswirkung auf medienpädagogische Praxis haben (sollten), da sie die Rahmen abstecken, was im Bereich des Medienhandelns als Legal gilt – deutlich wird das vor allem in der Diskussion um die sogenannten Remix-Culture (Einen guten Überblick bietet m.E. der Vortrag Michael Weschs, welcher nolens volens das Problem digitaler Lizenzierung illustriert, weil er für deutsche Nutzer auf Youtube gesperrt ist).

Gemeinsames „Leid“

Zwischen den Sessions und den Sätzen der dort stattfindenden Gespräche ist mir eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Medienpädagogik und Bibliothek aufgefallen: Das Web macht uns beiden in ureigenen Handlungsfeldern Konkurrenz. Wie die Pädagogik s durch neue Entwicklungen des WWWs zu einem Überdenken ihres Selbstverständnisses gezwungen wird, ist sehr gut von David Wiley in seiner Keynote zu Open Education erklärt – es ist bezeichnend, dass er eher aus einer informatischen als aus einer genuin pädagogischen Ecke kommt. Er beginnt damit, die neue Form des Web als „Bibliothekisierung“ zu beschreiben: Informationen sind überall und jederzeit – oftmals kostenlos – verfügbar. Auch Curtis Bonk beschreibt in „The World ist Open“ das WWW als riesige Bibliothek. Die Bibliothekare sind von diesem Wandel auch betroffenen und sich dessen viel klarer bewusst als die (deutschen) Medienpädagogen. Immer wieder höre ich den Satz „Der Bestand spielt kaum noch Rolle“ – das Web hat der Bibliothek einen Kernbereich streitig gemacht – Wissen verfügbar zu machen. Das Universal-Book von dem Paul Otlet träumt ist Realität. Das WWW wird weder den Bibliotheken noch den Pädagogen ihre Existenzgrundlage nehmen – aber es wird unser beide Handeln signifikant verändern, allein schon deshalb weil unser Klientel (ob man sie nun Kunden, Nutzer, Lerner, Schüler, oder wie auch immer nennt) nicht mehr leiblich zu uns kommen, um unsere Kompetenzen in Anspruch zu nehmen, vor allem aber, weil ein sicherer Umgang mit dem Internet sowohl für Medienpädagogen als auch für Bibliothekare zur Schüsselqualifikation werden muss, wenn die Webnutzer weiterhin erreicht werden sollen.

 

Der Autor

Wolfgang Ruge ist Student des Masterstudiengangs “Medienbildung: visuelle Kultur und Kommunikation” an der Otto von Guericke – Universität, Magdeburg. Seine Studienschwerpunkte liegen in der Filmanalyse, Internet Research und der strukturalen Medienbildung. Der Drang immer mal wieder über den eigenen disziplinieren Tellerrand zu schauen bringt ihn schließlich in die Höhle der Bücherwürmer (Bibcamp) – woraus als Konsequenz dieser Text entsteht. Weitere Informationen zum Autor und Kontaktmöglichkeiten finden sich auf seiner Homepage.



 
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