DRM für E-Books – Risiken und Nebenwirkungen des elektronischen Lesens

Unser Alltag wird zunehmend von Digitalen Gütern beherrscht, die uns zumeist per Download erreichen, wozu eben auch Software, Musikdateien und E-Books gehören. Doch man muss sich an der Stelle bewusst machen, dass man mit dem Download in der Regel auch einen Vertrag abschließt. Häufig jedoch sind die Regeln, die durch die Allgemeinen Geschäftsbedingen (AGB) der Inhalte-Anbieter aufgestellt werden, anders als die gewohnten für materielle Ware. iRights.info versucht die Online-Nutzer solcher Medien über die Veränderungen in Sachen Recht auf allgemeinverständliche Art zu informieren. Aber auch der kreative Prozess und seine rechtlichen Aspekte werden beachtet, u.a. im von Matthias Spielkamp und seinen Kollegen herausgegebenen P-/E-Book “Urheberrecht im Alltag: Kopieren, bearbeiten, selber machen” (2008), das ist persönlich auch heute noch als Einstieg in die Materie nur empfehlen kann.
E-Book-News hat mit Matthias Spielkamp über Kopierschutz und Digital Rights Management (DRM) in bezug auf das Lesen elektronischer Bücher.

Kopierschutz, DRM und Wasserzeichen

Interview mit Matthias Steinkamp, Teil 1 des Video bei YouTube
Kopierschutz selbst ist ein rotes Tuch bei den Lesern. Eigentlich müsste jeder Autor, der auf Kopierschutz setzt fürchten, dass ihm seine Leser das negativ auslegen. So gesehen haben in den seltensten Fällen die Autoren ein Interesse an
einem technischen Kopierschutz, sondern es sind die Firmen. Der Autor möchte seine Rechte durchsetzen, aber dies in dem bereits bestehenden rechtlichen Rahmen. Meist sind sie jedoch an ihre Verträge gebunden. Dabei Die Verlage gehen mit dem Einsatz von DRM viel weiter als Kopierschutz. Sie können sehr viel detaillierter Rechte abbilden. So kann heute bereits festgelegt werden, auf welchen Geräten die Dateien genutzt und wie oft sie kopiert werden dürfen. Dabei hebeln sie unter Umständen auch bestehende Gesetzesausnahmen aus. So können auch gemeinfreie Texte, die als E-Book angeboten werden, plötzlich nicht mehr ausgedruckt werden. Das Ganze wird technisch unterbunden und gehen eindeutig zu weit. Hier melden sich auch immer wieder Verbraucherschützer zu Wort. “Ausnahmen” wie die Möglichkeit, Auszüge im Rahmen der urheberrechtlichen Schranken zu kopieren, technisch umzusetzen, ist zum Teil jedoch noch gar nicht möglich.

Außerdem ist es technisch betrachtet nahezu unmöglich, mit DRM eine 100prozentige Kontrolle zu erlangen, aber die Nutzbarkeit wird erschwert. Für 90 Prozent wird ein Umgehen des DRM-Schutzes unmöglich sein, aber es wird immer Leute geben, die sich einen Sport daraus machen werden, diesen Schutz zu knacken und dafür ein Programm zu erstellen, welches es anderen, weniger technisch versierten Menschen einfach macht, eine Kontrolle über die Dateien wiederzuerlangen.

Das Digitale Wasserzeichen ist vielleicht eine Alternative, aber bei E-Books kennt Spielkamp noch keine prominenten Beispiele, wenn es sich bei Hörbüchern aber auch bereits bewährt hat. Er hat Zweifel an einem wirklichen Erfolg, aber erkennt auch den Vorteil an, dass das Wasserzeichen dem Digital Rights Enforcement (hartes DRM) insoweit überlegen ist, dass keine Geräte-/Plattformabhängigkeit geschaffen wird. Die Wasserzeichen ermöglichen dabei zwar ein Zurückverfolgen der Dateien zum Besitzer, aber dann folgen Beweisschwierigkeiten. Kann man dem Besitzer nachweisen, dass er persönlich bewußt oder stark fahrlässig gehandelt hat, so dass die Dateien in einer Tauschbörse auftauchen konnten. Man kann sicherlich den schwachen Punkt finden, aber man kann ihm eine rechtliches Vergehen damit noch nicht nachweisen. Was passiert mit der Nachweispflicht, wenn die Dateien mit einem mobilien Endgerät verloren gehen und dann in einer Tauschbörse auftauchen? Hier fehlen Erfahrungswerte und Rechtssicherheit.

Umgehen eines technischen Kopierschutzes, Beschränkung der Nutzungsdauer, Erschöpfungsgrundsatz

Interview mit Matthias Steinkamp, Teil 2 des Video bei YouTube
Alles was technisch getan wird, um Dateien urheberrechtlich zu schützen, darf auch für den privaten Gebrauch nicht umgangen werden. Dies ist urheberrechtlich verboten. Ein wirksamer technischer Kopierschutz darf nicht durch irgendein anderes Programm umgangen werden. Bei Musik-CDs ist das häufig ohne große Probleme möglich. Ich lege die CD ein, starte beispielsweise den MediaPlayer und wandle die Dateien der CD in MP3s um, ohne dabei etwas vom Kopierschutz zu merken. In diesem Fall ist der “Kopierschutz” technisch wirksam. Bei einem E-Book wird das momentan eher unwahrscheinlich sein, d.h. ich werde dafür ein spezielles Programm benötigen. Dies bedeutet wiederum, dass der technische Kopierschutz wirksam ist und somit nicht umgangen werden darf.

Es werden wohl zunehmend Angebote auf den Markt kommen, bei denen die Nutzungsdauer beschränkt wird. Wenn E-Books dabei für den gleichen Preis wie ein gedrucktes Buch verkauft werden, wird wohl kein Gericht der Welt eine solche Beschränkung als rechtmäßig ansehen. Problematisch wird es in dem Augenblick, wenn die Nutzungsdauer nach 5 Jahren, 10 Jahren, 30 Jahren endet (wenn technisch gesehen das Format noch funktioniert), muss man sich oder die verklagte Firma erstmal an die entsprechenden Geschäftsbedingungen von damals erinnern und in der heute sehr schnelllebigen Zeit existiert die Firma unter Umständen gar nicht mehr. Auch hier sind noch Unmengen ungelöster rechtlicher Probleme zu bewältigen.

Auch der Weiterverkauf von E-Books ist ein Problem. Unter den Bedingungen der Lizenzierung ist ein Weiterverkauf des E-Books nicht erlaubt. Der Erschöpfungsgrundsatz, der im Urheberrecht verankert ist und der besagt, dass ein Verlag bestimmen kann, dass sein Buch nicht weiter vervielfältigt werden darf, aber er darf nicht verbieten, dass das Buch weiterverkauft, verschenkt oder zerstört wird. Für digitale Bücher ist dies nicht gegeben. Hier fällt hoffentlich bald eine rechtliche Entscheidung.

Stellen sie sich vor, sie kaufen sich eine Bibliothek aus E-Books zusammen, die ist dann vielleicht mehrere tausend Euro wert. Und die dürfen Sie nicht verkaufen? Also noch nicht mal zum Zeitwert, noch nicht mal für einen Euro, den man auf dem Flohmarkt dafür bekommen würde? Das ist eigentlich schwer vorstellbar.

Dieser Erschöpfungsgrundsatz ist noch nichtmal für Dateien auf gekauften Datenträgern geklärt. Der Streit um den Verkauf von Gebrauchtspielen läuft auch bereits seit Jahren. Für Dateien, die rein immateriell erworben wurden, wird eine Entscheidung wohl noch viel schwerer fallen.

Was bleibt: Es gibt viel rechtliche Unsicherheit, weil uns rechtliche und technische Erfahrungenswerte fehlen. Als Nutzer kann man sich nur vorsichtig bewegen, gegen ungerechtfertigte (technische) Einschränkungen klagen oder wenn möglich, ganz auf den Erwerb drm-geschützter Daten verzichten.

Quelle:
Warner, Ansgar: “Urheber wollen niemanden verprellen”: irights-Experte Matthias Spielkamp im Gespräch über DRM&Kopierschutz, e-book-news.de

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Einsatzmöglichkeiten von RSS-Feeds in Bibliotheken

Es gibt verschiedene Möglichkeiten RSS-Feeds in Bibliotheken zu verwenden und nutzbringend für Nutzer und Bibliothekspersonal  einzusetzen.

  1. RSS-Feeds für Neuerwerbungen im Online-Katalog
  2. RSS-Feeds für ausgewählte Zeitschriften: Table-of-Content-Dienste
  3. Einsatz im Konto des Bibliothekskataloges, um über Ablauf von Leihfristen, eingegangene Bestellungen usw. zu informieren
  4. RSS-Feeds für aktuelle Schulungen, Veranstaltungen, Ausstellungen
  5. RSS-Feed für neue elektronische Medien, z.B. für Datenbank-Testzuänge
  6. RSS-Feeds für digitale Services der Bibliothek und Sammlungen
  7. RSS-Feed für den digitalen Newsletter der Bibliothek (weiterer Zugang zu den Informationen)
  8. RSS-Feed für Pressemitteilungen und Pressespiegel der Einrichtung
  9. RSS-Feed für Öffnungszeiten und Ausleihzeiten, incl. für “Notfallschließungen”
  10. RSS-Feed für Jobangebote der eigenen Einrichtung erstellen.
  11. RSS-Feed zu einer Sammlung anderer Feeds, z.B. lokaler Websites von Newsanbietern oder aller Feeds der übergeordneten Einrichtung (Universität, Behörde, Firma) anbieten.
  12. Thematische Sammlung von RSS-Feeds in entsprechenden RSS-Aggregator angeboten, um Sichtbarkeit von Bibliotheksangeboten u. -services im Web zu erhöhen.
  13. RSS-Feed zu speziellen Themengebieten abonnieren und sie  Nutzern auf personalisierten Seiten als Zugang zu ausgewählten RSS-Feeds, Bibliotheksinhalten, von der Bibliothek abonnierten Datenquellen und Hilfsangeboten der Bibliothek anbieten.
  14. Einsatz von einigen RSS-Feeds im Intranet, um Bibliothekspersonal z.B.  über bibliothekseigene Projekte oder Entwicklungen in der Bibliothekswelt auf dem Laufenden zu halten.

Ausführlicher bei Bibliothekarisch.de

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Der nützliche Einsatz von RSS-Feeds in Bibliotheken

Viellesern ist der Service, den RSS-Feeds bieten, gut bekannt. Für jene, die sich mit dieser Materie noch nicht so auskennen: RSS steht für „really simple syndication“ und ermöglicht tatsächlich eine „wirklich einfache Verbreitung“ von Inhalten. Mit Hilfe von RSS können Sie aktualisierte Inhalte einer Website (z.B. News, Blogeinträge) abonnieren. Die Bereitstellung der Daten erfolgt über sogenannte RSS-Feeds, die Sie als dynamische Lesezeichen oder mit einem Feed-Reader (offline, online) abonnieren können.

RSS-Feeds unterstützen das Teilen und Liefern von Informationen, so dass man eigentlich nützliche Einsatzgebiete innerhalb der Bibliothek dafür entdecken kann.

  1. RSS-Feeds für Neuerwerbungen im Online-Katalog, z.B. mit Hilfe von MyBibRSS erstellbar. Ein anderes Beispiel zeigt die Liste der RSS-Feeds der Fachhochschulbibliothek Hannover.
  2.  

  3. RSS-Feeds für ausgewählte Zeitschriften: Table-of-Content-Dienste, z.B. “Individualisierter Zeitschrifteninhaltsdienst über RSS-Feeds in der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung”
  4.  

  5. Einsatz im Konto des Bibliothekskataloges, um über Ablauf von Leihfristen, eingegangene Bestellungen usw. zu informieren (Ersatz der technisch unzuverlässigeren Benachrichtigungsmails)
  6.  

  7. RSS-Feeds für aktuelle Schulungen, Veranstaltungen, Ausstellungen (z.B. Feed der UB der LMU München
  8.  

  9. RSS-Feed für neue elektronische Medien (z.B. RSS-Feed der UB Regensburg für E-Books)
  10.  

  11. RSS-Feeds für digitale Services der Bibliothek, z.B. OPUS (z.B. RSS-Feed für OPUS des ZIB Berlin), elektronische Semesterapparate, Sammlungen (z.B. Liste von RSS-Feeds des Münchner Digitalisierungszentrums), etc.
  12.  

  13. RSS-Feed für den digitalen Newsletter der Bibliothek, z.B. ZIK-newsletter – Bibliothek aktuell der Bibliothek der FH Münster
  14.  

  15. RSS-Feed für Pressemitteilungen und Pressespiegel der Einrichtung
  16.  

  17. RSS-Feed für Öffnungszeiten und Ausleihzeiten, incl. für “Notfallschließungen”
  18.  

  19. RSS-Feed für Jobangebote der eigenen Einrichtung, z.B. der TIB Hannover, global gibt es in Deutschland einen RSS-Feed für Bibliojobs (leider nicht sehr nutzerfreundlich)
  20.  

  21. RSS-Feed einer Sammlung anderer Feeds, z.B. lokale Websites von Newsanbietern, aller Feeds der übergeordneten Einrichtung (Universität, Behörde, Firma), um diese dann auch auf einer eigenen Webseite anzubieten
  22.  

  23. Thematische Sammlung von RSS-Feeds in entsprechenden RSS-Aggregator angeboten, um Sichtbarkeit von Bibliotheksangeboten u. -services zu erhöhen. Beispiel für thematische RSS-Feed-Sammlung: Stöhr, Matti: Literaturverwaltung im Fokus auf Netvibes.com
  24.  

  25. RSS-Feed zu Interessengebieten abonnieren und diese dann auf personalisierbaren Nutzerwebseiten anbieten. Die Nutzer hätten dann an einer Stelle Zugang zu ausgewählten RSS-Feeds, Bibliotheksinhalten, von der Bibliothek abonnierten Datenquellen und Hilfsangeboten der Bibliothek.
  26.  

  27. Einsatz von einigen RSS-Feeds im Intranet, um Bibliothekspersonal auf dem Laufenden zu halten, z.B. über Projekte an der eigenen Bibliothek (z.B. aus einem Projektwiki), über Entwicklungen in der Bibliothekswelt o.ä., z.B. Planet Biblioblogs

Liste mit US-amerikanischen Beispielen zum Einsatz von RSS: Russell, John F.: The Libraries that Feed Us!, …Best! …Dream! …Ever! (for Library 2.0), vom 28.02.2008

Beispiele für RSS-Feeds aus dem Katalog: Examples of RSS from the Catalog, Library Success Wiki, Stand: 29.09.2009

Auffällig ist, dass die zugrundeliegende Quelle bereits über zwei Jahre alt ist und nur wenige der dort beschriebenen Anwendungsmöglichkeiten in die Arbeit von Bibliotheken (in Deutschland) übernommen worden ist. Häufig werden verschiedene Bereiche, z.B. Nachrichten zur Einrichtung, Stellenausschreibung, Öffnungszeiten, neue elektronische Angebote in einem Feed zusammengefasst. Nicht zu allen Anwendungsbereichen habe ich Beispiele gefunden, daher würde ich mich freuen, wenn in den Kommentaren noch das ein oder andere Anwendungsgebiet belegt oder neue Anwendungsgebiete hinzugefügt würden.

Quelle:
Wolfe, Cheryl: 10 Ways Libraries Can Use RSS, The Moxie Librarian, vom 27.02.2008

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Die Datenkrake Google

Bereits Ende Januar flimmerte der Bericht über den Äther. Nano berichtete auf 3sat über Google:

Sammeln, nicht suchen: die Datenkrake Google :video:

Neben den ungeheuren Datenmassen macht auch der Datenschutz bei Google vielen Sorgen. Im verschriftlichten Bericht heißt es dazu:

Probleme mit dem Datenschutz stellte “Privacy International” auch bei anderen Firmen fest, sie seien aber nirgends so schwerwiegend, heißt es in der Untersuchung.

Auch wir haben hier schon vor über einem Jahr berichtet, auf welche Daten Google zugreifen kann:
Was Google über uns weiß …

Mit dem letzten Vorkommnis setzte Google dem Ganzen die Krone auf. So hat Google mit dem durch die Straßen fahrenden Google-Street-View-Wägen auch offene WLAN-Netze ausspioniert, die Daten nicht nur erfasst sondern auch gespeichert. Hier zeigt sich, was für Google technisch möglich ist. Was aber das Schlimmste ist, ist die Tatsache, dass dann nicht gefordert wird, diese unrechtmäßig bezogenen Daten zu löschen, sondern dass die Politik darüber nachdenkt, diese selbst zu verwenden.

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Interkulturelle Bibliotheksarbeit mal anders: Bibliomigra – eine fahrende und mehrsprachige Bibliothek in Turin

„Toleranz sollte nur ein vorübergehender Zustand sein, er muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“ Johann Wolfgang von Goethe

Der am 21.05. jährlich begangene UNESCO-Welttag der kulturellen Vielfalt für Dialog und Entwicklung bot Anlass mich eingehender mit dem Projekt  der Künstlergruppe Arteria mit dem Namen Bibliomigra zu beschäftigen. Der kreative Ideengeber von Bibliomigra heißt Davide Serra.

Doch zuerst sollen die politischen Voraussetzungen näher erläutert werden, welche diese Initiative erleichterten. Vor kurzem widmete sich der Courrier International in einer Übersetzung eines Artikels aus La Stampa der Stadt Turin. Seit Ende April 2010 hat sich mit Erringen der Mehrheit der Lega Nord bei den Regionalwahlen in Piemont, dessen Hauptstadt Turin ist, das politische Klima auch dort verändert. Francesco Jori zufolge, reicht es nicht aus den Wahlerfolg dieser Partei allein durch den von ihnen propagierten Rassismus und ihrer Intoleranz gegenüber EinwanderInnen und dem starken Populismus, sowie den antieuropäischen Ressentiments alleine zu begründen.

Turin ist aufgrund der politischen Machtverhältnisse im Stadtrat im Vergleich mit anderen italienischen Städten, gegenüber ZuwanderInnen viel freundlicher und integrativer und nähert sich dem Thema Migration anders als viele italienische Kommunen, die eigentlich eher durch Negativschlagzeilen in jüngster Zeit auf sich aufmerksam machten. Den Vereinten Nationen zufolge ist Turin ein Best Practice Modell für die Integration von Migranten. Die illegale und “unsichtbare” Einwanderung ist insbesondere in Turin in den letzten Jahren zu einem wachsenden Phänomen geworden. Im historischen Stadtteil, in Borgo Dora/Porta Palazzo, beträgt der Anteil der Migranten 50 %.  Kleine unabhängige Vereine und Gruppen, wie die Initiative von Arteria, nutzen die “Straße” als einen Ort der interkulturellen Kommunikation und Prozessen der aktiven Staatsbürgerschaft.  Bibliomigra, eine mehrsprachige fahrende Bibliothek, bietet – alleine durch seine Präsenz in verschiedenen Teilen der Stadt – Literatur unterschiedlichster Art an. Bei den beiden Fahrzeugen handelt es sich um zwei alte Apecars der Marke Piaggio, die so umfunktioniert wurden, wie auf dem Bild oben oder im Film unten zu sehen ist. Das Projekt läuft seit drei bis vier Jahren und MitarbeiterInnen von Arteria steuern vor allem Porta Palazzo an, der Platz für den größten Freiluftmarkt Europas bietet. Zweimal pro Woche in der Zeit von 18:30 Uhr und 21:30 Uhr kümmern sich die MitarbeiterInnen von Arteria vor allem um junge Migranten, die dort “abhängen”, wie es Antonella Aduso, die Vize-Präsidentin von Arteria, ausdrückte.

Aufgrund der Budgetkürzungen sind die beiden Fahrzeuge von Bibliomigra nur noch jeweils ein bis zweimal in der Woche unterwegs, statt wie früher drei bis viermal pro Woche.  Arteria ist die Nichtregierungsorganisation, welche diese kreativen Projekte durchführt. Ein weiteres vorbildliches Projekt nennt sich Una Finestra Sulla Piazza (‘A Window onto the Square’). Dabei handelt es sich um ein Netzwerk von soziokulturellen Akteuren, welche sich um unbegleitete Migrantenkinder  kümmern. Darüber hinaus macht diese strategische Wieder-Aneignung des öffentlichen Raumes die Flüchtlinge und marginalisierten Gruppen, deren sozialer und kultureller Status ansonsten versteckt und vernachlässigt würde, sichtbarer gegenüber der sogenannten Mehrheitskultur.  Hierbei wird mit jungen Menschen gearbeitet, indem mit ihnen Fußball, Basketball, Badminton, Volleyball, Jenga, Schach und vieles mehr gespielt wird. Außerdem werden Flyer in den Rathäusern der Bezirke  und bei örtlichen Nichtregierungsorganisationen verteilt, um die Menschen über die Projekte zu informieren und die Kontakte und Begegnungen herzustellen.

Im Moment gibt es zwei Bibliomigra-Fahrzeuge, wobei eines im 7. Bezirk unterwegs ist und von der Stiftung Compagnia di San Paolo finanziert wird, wie mir Antonella Aduso verriet Das zweite Fahrzeug, wird hauptsächlich im 3. Bezirk von Turin eingesetzt. Bibliomigra ist sowohl für ZuwanderInnen als auch für Italiener wichtig. Die angebotenen Bücher gibt es nicht nur in Fremdsprachen, sondern auch in italienischen Dialekten.  Weiterlesen

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Anmerkungen zur Zielgruppenorientierung für die LGBT-Community und die Rolle der Öffentlichen Bibliotheken mit besonderer Berücksichtigung der Situation in Frankreich

The purpose of our public libraries is to serve the public. It is time to realise that the public is more diverse than the white, Christian, heterosexual man. Library and information science have a responsibility to proceed in this area, acknowledge the problem and bring LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual) into their field of research. (Anna Johansson in Libreas 01/2008)

In ihrem Artikel machte Johansson deutlich, dass in Schwedens öffentlichen Bibliotheken die heterosexuelle Norm aufrechterhalten wird, indem durch verschiedenen Standards (u.a. Klassifikationen), das Auffinden und das  Sichtbarmachen von Literatur für die LGBT-Community erschwert wird. Wie ist das eigentlich hierzulande? Natürlich ist es begrüßenswert, dass Libreas  diesen Artikel der schwedischen Bibliothekswissenschaftlerin veröffentlichte, aber warum gab es in den letzten 10 Jahren kaum deutschsprachige BibliothekarInnen, welche diese Aspekte in Form von Artikeln und Vorträgen auf die Agenda brachten? Oder irre ich mich? Ist bei uns alles in Ordnung? Sollte man sich in Zeiten finanzieller Krisen in den Kommunen und anderswo nicht mit wichtigeren Themen beschäftigen?

Durch Zufall wurde ich vor kurzem auf einen Blogeintrag eines französischen Bibliothekars aus Lyon aufmerksam, der sich pünktlich zum “Journée internationale de lutte contre l’homophobie et la transphobie“, also zum  “Internationalen Tag gegen Homophobie und Hassgewalt” am 17. Mai, mit dem Thema befasste und genauer analysierte, inwieweit Homosexualität überhaupt in den Öffentlichen Bibliotheken Frankreichs thematisiert wird. Volker Beck meinte am 16.05. 2010, dass der Hass auf Lesben und Schwule  international und in Deutschland nicht überwunden ist und eine Aufnahme des Antidiskriminierungsschutzes auf Grund der Sexuellen Identität ein Zeichen setzen würde,  Lesben und Schwule als  integraler Bestandteil unserer Gesellschaft zu betrachten. Seit dem letzten Bundestagswahlkampf findet sich für die Aufnahme der “Sexuellen Identät” ins Grundgesetz als Teil des Diskriminierungsverbots im Artikel 3 zunehmend mehr Unterstützung aus mehreren Parteien (SPD, Grüne, Die Linke und ganz wenige Anhänger der CDU und der FDP). Am 21.04. gab es zu dem Gesetzesentwurf eine öffentliche Anhörung im Bundestag und momentan wird der Gesetzesentwurf hierzu noch geprüft. Dieses Thema hat nun wieder an Aktualität gewonnen und der Blogeintrag des französischen Bibliothekars veranlasste mich nun über dieses Thema zu schreiben

Einer Annäherung an die Thematik, bedarf ein Eingehen auf die Reflexionen des Bloggers. Ich kenne immer noch keine Stadt(teil)bibliothek, welche sich dieser Thematik eingehend annimmt. Außerdem bin ich – obwohl Bibliothekar – auf diesem Gebiet kein “Experte”, da dieses Thema im Studium und in der beruflichen Praxis bisher (noch) nicht auf der Agenda stand. Bislang sind mir nur die  von Prof. Dr. Rösch (FH Köln) betreuten Arbeiten von Frau Jakobs aus dem Jahr 2000 (“Homosexuelle als Benutzergruppe – Forderungen an die Bibliothek. Eine Untersuchung zu den Herausforderungen, die eine homosexuelle Benutzergruppe an Öffentliche Bibliotheken stellt” und “Literaturbedürfnisse von Homosexuellen – Forderungen an die Bibliothek“) und der  Aufsatz “THE “INVISIBLES”: Lesbian Women as Library Users” von Heike Seidel aus der Zeitschrift Progressive Librarians bekannt. Darin greift sie eine Diskussion auf, die 1995 unter anderem auch in BuB geführt wurde und nach der Diplomarbeit von Warnke “Eingrenzen statt ausgrenzen”. Doch (wie) wurden diese Arbeiten bis heute in der Fachwelt rezipiert?

Auf dem BOBCATSSS-Symposium 2007 wurde zur Zielgruppenarbeit für die LGBT- Community dieses Thema in Form einer Poster Session von Tiger Swan präsentiert: “Marketing for Inclusion: Reaching the Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender (LGBT) Communities”

Zurzeit sind mir nur Bibliotheken in Großbritannien und den USA bekannt, welche eine gezielte Inklusionspolitik dieser Gruppe betreiben. In deutschen Bibliotheken fand ich bislang nur kostenlose Zeitschriften wie etwa die Siegessäule und Broschüren zum Thema der sexueller Aufklärung.  Doch es gibt zahlreiche Initiativen und Organisationen, welche als beratend für Bibliotheken tätig werden könnten bzw. es schon sind. Über Facebook wurde ich auf www.gayboooks.de und www.lesbianbooks.de aufmerksam, welche durchaus Anregungen in Form von Newslettern und Empfehlungen böten.

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Die erste Flughafenbibliothek der Welt

Die Niederländische Zeitung “de Volkskrantberichtete gestern über die weltweit erste Flughafenbibliothek auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol.  Der Flughafen war zuletzt mehrmals aufgrund festsitzender Touristen, die wegen  der Aschewolke des Vulkans Eyjafjallajökull mehrere Tage dort verbringen mussten, in den Schlagzeilen.  Künftig müssen sich dort Touristen nicht mehr langweilen, denn es gibt ab Juli eine Airport Library.  Diese Bibliothek wird das kulturelle Aushängeschild für all diejenigen sein, welche zum ersten Mal niederländischen Boden betreten. Die niederländische Staatssekretärin Marja van Bijsterveldt sieht das sehr pragmatisch, denn die Bibliothek wird Reisenden frühzeitig ermöglichen sich  mit der niederländischen Kultur vertraut zu machen und die Zeit sinnvoll zu verbringen.  Initiiert wurde die Gründung dieser Bibliothek von der niederländischen Organisation für öffentliches Bibliothekswesen ProBiblio,  mit Geldern aus dem Kultur-, Bildungs- und Wissenschaftsministerium.  Dem Projektleiter  Dick van Tol zufolge werden die Bestände nicht nur Bücher beinhalten, sondern auch Filme und Musik, die zum Download bereitgestellt werden.  Hierzu werden mehrere  Downloadstationen den BesucherInnen ermöglichen ihre Musik bzw. Filme auf ihre Mobiltelfone zu laden. Die Bibliothek wird auch mit iPads ausgestattet sein. Weiterlesen

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Imagevideo der "Library of Birmingham" (UK)

Als Einstimmung auf den nächste Woche stattfindenden Deutsch-Internationalen Bibliotheksdialog in Birmingham, ein Vorgeschmack auf das neue Flaggschiff der Stadt, das 2013 eröffnet werden soll. Für die Bibliothek werden umgerechnet 214 Millionen Euro investiert. Das niederländische Büro Mecanoo Architecten (Delft) hatte 2009 die Planungen für eine neue Bibliothek am Centenary Square vorgestellt. Das Projekt ist Teil der Kampagne „Global City with local Heart“ und ist das neue Vorzeigeprojekt der Stadt. Es wird auf einem prominent gelegenen Grundstück am Centenary Square zwischen dem Birmingham Reportery Theatre (REP) und dem Baskerville House errichtet. Im Erd- und Mezzaningeschoss mit dem REP verbunden, entsteht mit der Bibliothek ein Bildungs-, Informations- und Kulturzentrum für täglich 10.000 Besucher. Der stellvertretende Direktor und Abteilungsleiter für Servicedienstleitungen der Stadtbibliothek  in Birmingham, Brian Gambles, formulierte die gegenwärtigen Herausforderungen, vor denen auch viele andere Bibliotheken im 21. Jahrhundert stehen, wie folgt:

We are trying to redefine the library and archive in a major city centre. For 150 years the role of the library was to democratise access to books and information which many could not afford. That model of service is being challenged.The number of books we loan out and reference inquires we receive is sliding. We can all use Google and with discounts on Amazon, three-for-two offers in Waterstones and Tesco discounting every Harry Potter book, many of us have the means to buy books. We need to make the library more of an experience. Our role will now be less about transactions with users and more about aiding their transformation.”

In den letzten Jahren sind mehrere beeindruckende Bibliotheksbauten in Großbritannien entstanden (bzw. noch in der Entstehungsphase). Besonders hervorzuheben sind die Bibliotheken in Norwich, Manchester und Newcastle. Trotz anders lautender Meldungen sind durch Einsparmaßnahmen zwar viele Zweigstellen und Bibliotheken auch dort betroffen, aber es gibt dennoch Beispiele,welche von einem Gegentrend zeugen. Die politischen VertreterInnen von Birmingham planen die neue Bibliothek als ein Instrument zur sozialen Inklusion unterschiedlichster Teile der multikulturell zusammengesetzten Stadtbevölkerung zu nutzen.

Library Of Birmingham from The Proudfoot Company on Vimeo.

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Im „Märchen-Zentrum“ ist die Hölle los!

Eigentlich kann sich jede Bibliothek glücklich schätzen, wenn sie ihre Daseinsberechtigung mit phantastischen Nutzer- und Ausleihzahlen rechtfertigen kann. In Berlin werden diese aber immer mehr zum Problem. Das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, welches schnell den Spitznamen „Märchen-Zentrum“ erhielt, ist die am 12.Oktober 2009 eröffnete neue Zentralbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin. Mit dieser bekommt die UB der HU erstmals in seiner Geschichte ein eigenes Gebäude. Vorher war sie 100 Jahre Untermieterin in der Staatsbibliothek zu Berlin. Mit dem Neubau kehrt die UB außerdem zurück in die unmittelbare Nähe des Campus in Mitte.

Das momentane Hauptproblem der Bibliothek sind ihre Nutzer. Diese haben die Bibliothek mehr als nur gut angenommen: sie stürmen die UB geradezu. Hätte man mit diesem Ansturm rechnen müssen? Diese Frage kann man sowohl mit Ja als auch mit einem Nein beantworten. Ja, in dem Sinn, dass in das neue Gebäude der UB zahlreiche Zweigbibliotheken integriert wurden, darunter die Bibliotheken sehr lese-intensiver Fächer wie Geschichte oder Philosophie. Nein, wenn man bedenkt, dass man die Platzkapazitäten mit etwa 1200 Lesesaalplätzen mehr als verdoppelt hat. Dennoch scheinen diese nicht auszureichen. So musste die Bibliothek Anfang Mai 2010 bekanntgeben, dass es ab sofort nicht mehr möglich ist, Einzelarbeitsplätze zu reservieren. Diese sind bis ins nächste Jahr ausgebucht. Doch nicht nur die Einzelarbeitskabinen sind ausgebucht, auch im Lesesaal findet man dieser Tage selten ein freies Plätzchen.

Mittlerweile wurde das Platzproblem sogar durch die Presse wahrgenommen. Diese berichtet von Quotierungen, gar ominösen Parkscheiben, verschobene Abgabeterminen von Hausarbeiten und Protesten von Studenten anderer Hochschulen. Was ist los im „Märchen-Zentrum“?
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