Die Bibliothek der Verbrannten Bücher ist angekommen

Die Bibliothek der verbrannten Bücher ist da!

Nur wenige Wochen nach Abschluss des Kaufvertrags zur Salzmann-Sammlung sind die 12.000 Bände erstmal vollständig ins Magazin der Universitätsbibliothek Augsburg eingelagert worden. Ein paar Kostbarkeiten liegen jetzt im Büro des UBA-Direktors Ulrich Hohoff.

Auf einigen Folien der eingeschlagenen Drucke steht „sehr selten“. Ein Beispiel ist z.B. die englische Übersetzung von Anna Seghers’ „Das siebte Kreuz“ in einer Sonderausgabe der US-Army aus dem Jahr 1942. Hohoff erklärt im Gespräch mit der Augsburger Allgemeinen, dass der Roman, welcher von Verfolgung und Flucht eines Juden berichtete, die GIs als „geistiges Kampfmittel“ (Hohoff) auf ihrer Überfahrt nach Europa begleitete. Auch so manche einzigartige Ausgabe ist in der Sammlung zu finden, wie beispielsweise Stefan Heyms deutsche Übersetzung und Theaterbearbeitung des berühmten Jugendromans „Tom Sawyer“ als Typoskript samt tschechischem Premierenzettel von 1937.

Mehr als vierzig Jahre war der Immobilienkaufmann Salzmann zielstrebig auf der Suche nach der Literatur, deren Autoren im Dritten Reich verfemt wurden. Salzmann selbst hatte die Nazizeit miterlebt. Er wollte verhindern, dass bestimmte Autoren dieser Zeit vergessen werden, weil die Nazis mit der Zensur ihrer schwarzen Liste ihre Werke auslöschen wollten. Mag man glauben, dass eine solche Sammlung nicht nötig gewesen wäre, weil man sich nach dem Krieg in mehr als 60 Jahren diesen Autoren erinnerte und ihre Werke anschaffte. Dass dem nicht so war, zeigt dieser Vorfall:

So gab es von Max Mohr (1891-1937) in seiner Heimatstadt München in Bibliotheken gerade zwei Werke, als 1991 eine Ausstellung zu seinem 100. Geburtstag vorbereitet wurde.

Salzmann legte in seiner Sammelleidenschaft Wert auf Erstausgaben, die seit Hitlers Machtergreifung 1933 oft nur in Exilverlagen erscheinen konnten. Die Sammlung enthält jedoch nicht nur Bücher, sondern auch literarische Beiträge in Zeitschriften und Anthologien sowie Schallplatten mit Sprechaufnahmen.

Für den Fachreferenten des Fachs Germanistik ist dies eine Herausforderung. Gerhard Stumpf muss nun Regeln entwickeln, nach denen die Salzmann-Sammlung passend katalogisiert werden kann, da die Regensburger Verbundklassifikation dieser heterogenen Sammlung nicht gerecht wird.

Wahrscheinlich schert er [Gerhard Stumpf, A.d.V.] hier aus der Systematik der Bibliothek aus und folgt der strikten Zuordnung zum jeweiligen Autor. Und sei die Verbindung noch so frei assoziativ. So findet sich bei Bert Brecht auch ein Aufsatz seiner Mitarbeiterin Ruth Berlau von 1955 zur Frage „Willst du Schauspielerin werden?“ in Das Magazin aus der DDR.

Wie sieht die Zukunft der Bibliothek aus?
Ziel ist, die Sammlung bis 2010 vollständig nachweisen zu können, d.h. die Katalogisierung soll bis dahin abgeschlossen sein.

Zugänglich gemacht wird die Bibliothek der verbrannten Bücher in zwei besonderen Räumen der Teilbibliothek Geisteswissenschaften. Die Bücher sollen je nach Erhaltungszustand frei zugänglich aufgestellt sein. Hohoff möchte auch einen bibliothekarischen Arbeitsplatz organisieren, um die Sammlung Schulklassen und Erwachsenenbildung fachkundig präsentieren zu können.

„Wir wollen die Bücher in einer Form präsentieren, die für junge Leute interessant ist“, sagt er. Auch Ausstellungsvitrinen soll es geben, um zu Autoren-Jahrestagen empfindliche Stücke sichtbar zu machen.

Quelle:
Knoller, Alois: Verbrannte Bücher: Raritäten geben noch Rätsel auf via Augsburger Allgemeine


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