Digitale Straßenbibliotheken Teil I: Das Projekt Ingeborg als die ultimative virtuelle Stadtbibliothek Klagenfurt

Der textKaiser-Blog aus Österreich brachte auf den Punkt, was gesagt werden muss:

„Und während Politiker noch immer über Gründe nachdenken, wie man eine Stadtbibliothek “wegargumentieren” könnte, hat sie das digitale Zeitalter bereits längst überholt. Es braucht nicht viel um Statements zu setzen und selbst aktiv zu werden. Nur ein bisschen Kreativität und den Willen dazu.“

Erstaunlicherweise findet sich im Pressespiegel auf der Projektwebseite kein einziger Artikel aus Deutschland, dagegen sind sogar Meldungen über das Projekt aus Argentinien, USA, Taiwan, Italien, Frankreich und Russland sehr gut vertreten. Georg Schröder aus Essen berichtete als einer der wenigen Deutschen in seinem Blog padlive.com darüber und stellte am Ende die Frage, ob er die Stadt Essen ansprechen solle? Bitte Herr Schrörder sprechen Sie die finanziell klamme Stadt Essen an, die einen Neubau ihres Fußballstadions mitfinanzierte und stattdessen Zweigstellen schließt bzw. zusammenlegt.

Das Projekt, das hier vorgestellt wird, ist nach Ingeborg Bachmann benannt, der berühmtesten Tochter von Klagenfurt. An über 100 Stellen befinden sich in der Stadt gelbe Sticker (wie unten abgebildet). Ziel ist es Newcomer zu fördern, indem deren Musik und schrifstellerische Kostproben kostenfrei an unterschiedlichen Stellen in Klagenfurt und Umgebungverfügbar gemacht werden.

Die Idee des Projekts Ingeborg stammt von Georg Holzer & Bruno Hautzenberger. Die Idee entstand bei kühlen Bieren im Jazzkeller Kamot. Dabei existierte der Wunsch etwas mit der NFC-Funktechnik zu machen. Darüber hinaus sind auch andere Helfer, Unterstützer und Mitarbeiter zu nennen, welche nun engagiert an pingeb.org mitarbeiten: (Kerstin Rosenzopf, Iris Wedenig, Verena Artinger oder Daniel Gollner).
Im folgenden Video erklärt Georg Holzer das Projekt und vergleicht es mit einer digitalen Stadtbibliothek. Er plädiert für eine freiere Zugänglichmachung von digitalen Inhalten, als das bislang der Fall ist. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Hauptstadt von Kärnten, die einzige mitteleuropäische Stadt ohne eigene Stadtbibliothek ist.

Der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb ist ja so etwas wie das kulturelle Aushängeschild der Stadt. Junge, zumeist unbekannte Autoren erhalten drei Tage die Möglichkeit ihre Texte Experten und einem breiten Fachpublikum zu präsentieren, was auch im Fernsehen (3Sat) übertragen wird. Am Ende wählt eine Fach-Jury die Preisträger aus. Dieser Preis zählt mit zu den wichtigsten literarischen Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum. Autoren wie Peter Glaser, Wolfgang Hilbig, Peter Wawerzinek, Emine Sevgi Özdamar oder Franzobel erhielten diesen Preis und wurden so einem breiteren Publikum bekannt. Eben dieser Preis und dessen Außenwirkung war auch der Entstehungsgrund für das von Holzer & Hautzenberger entwickelte Projekt Ingeborg. Mitte Juli gab es bereits 70 QR-Codes verteilt über die ganze Stadt. Inzwischen sind es schon über 100.

Mitmachen können nur Autoren oder Musiker aus dem Raum Klagenfurt. Die Promotion durch das Projekt pingeb.org kostet den Jungkünstlern keinen Cent. Ziel ist es Spannung auf einem geografisch eingeschränkten Raum zu erzeugen.

Der explorative Charakter dieses Projekts erinnert an Geocaching, wobei es beim Projekt Ingeborg um NFC-Tags und QR-Codes geht. Wäre das nicht auch ein „Geschäftsmodell“/ neues Betätigungsfeld für öffentliche Bibliotheken, um Autoren/Musiker, deren Urheberrechte abgelaufen sind und solchen auf lokaler Ebene sich einem breiteren Publikum bekannt zu machen? Auf Seiten der Künstler, als auch auf Seiten der Bibliotheken würde hier eine Win-Win-Situtation entstehen. BibliothekarInnen wären also eine Art Promoter für Künstler, als auch für ihre eigene Einrichtungen. Wenn Sie mehr hören bzw. lesen wollen, kommen Sie in unsere Stadtbibliothek! Am 1. März 2011 schrieb ich zum “International hug a librarian day!” über eine von Create Berlin organisierte Veranstaltung aus dem Jahr 2009, bei der die Zukunftswerkstatt, allen voran Christoph Deeg einen Vortrag hielt mit anschließender Diskussion. Das Feedback der Kreativen fiel ehrlich und schonungslos aus. Sie würden sich mehr Kooperationen und Zusammenarbeit wünschen und die Mehrheit nutzte damals öffentliche Stadtteilbibliotheken für ihre Arbeit so gut wie nie. Stadtbibliotheken gerade in Kreativstädten wie Berlin, Leipzig oder Hamburg könnten Multiplikatorfunktionen übernehmen. Einerseits mehr den Wünschen und dem Sammelauftrag (Sammlung von Mode- und Architekturkatalogen) der Kreativen entgegenkommen und andererseits durch ähnliche Projekte wie pingeb.org stärker auf Neuheiten/Newcomer und Raritäten (bei abgelaufenem Urheberrecht) aufmerksam machen. Das Nachkommen des Aufrufs „Wenn Sie mehr hören bzw. lesen wollen, kommen Sie in unsere Stadtbibliothek!“ würde sicherlich manche Künstler und Literaten auf regionaler Ebene mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung verschaffen. Bis Ende des Jahres ist geplant das Projekt weltweit open-source fähig zu machen.


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