Eine öffentliche digitale Bibliothek für Deutschland ein Muss

So unklar wie die Zukunft der Bibliothek ist, ist doch klar, dass sie dennoch auch in digitaler Form vorliegen muss – nicht sollte und nicht könnte, sondern MUSS. Dass Texte in Zukunft digital sind, kann man sich bei dem bereits heute digitalen Texteaufkommen und dem Hype ums E-Book denken. Die Bibliothek muss sich dieser digitalen Zukunft stellen. Die digitale Zukunft heißt nicht, dass das Gebäude Bibliothek, die gemütlichen und stolzen Lesesäle oder unsere Buchkultur, wie wir sie heute kennen verschwinden, aber die Aufgaben der Bibliothek werden sich ändern. Die Bibliothek muss heute Schritt halten mit der digitalen Revolution und ihre Funktionen anpassen. Sie werden Horte des Wissens bleiben, des alten Wissens, auch des neuen Wissens. Das gelingt jedoch nur, wenn sie den Zugang zu allen Formen der Text- und Wissensproduktion gewährleisten kann. Doch momentan muss man ängstlich zuschauen, wie Bibliotheken zunehmend vom aktuellen Wissen abgehängt werden. Dies geschieht an verschiedenen Fronten.

Für Ulrich Johannes Schneider stehen die Zeichen für ein baldiges Gelingen derzeit nicht gut. Er bezeichnet das Versagen der Bibliotheken und der sie stützenden Institutionen als eklatant. Es gibt mit der “Deutschen Digitalen Bibliothek” (DDB) ein im Dezember 2009 auf höchster politischer Ebene beschlossenes Projekt, welches dieses Jahr starten soll. So richtig losgehen wird es für die DDB wohl erst 2011. Diese digitale Bibliothek soll wie “Google Books” alles Gedruckte, ob Zeitschrift oder Buch, von Gutenbergs Zeit an zugänglich machen. Ein Jahrhundertprojekt, das vor unlösbare Aufgaben oder die Quadratur des Kreises gestellt wird, wirft man einen Blick auf die Anforderungen, die zu bewältigen sind. Hier mal ein Teil der aufgestellten Forderungen/Ziele des Jahrhunderprojekts DDB1, 2:

  • Attraktives Angebot für alle Bürgerinnen und Bürger
  • Komfortabler und weitestgehend kostenfreier Zugang
  • Zentraler Zugang zu Informationen aus über 30.000 Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen (Bibliotheken, Archive, Museen etc.)
  • Alternative für Autoren und Verlage zu “Google books”
  • Nur unter Wahrung des geltenden Urheberrechts


Google, als der große Gegenspieler, der indirekt diese Digitalisierungsvorhaben in Gang gesetzt hat, verfügt über große privatwirtschaftliche Mittel und erhält auch von Bibliotheken Unterstützung, z.B. der Complutense in Madrid, der Universitätsbibliothek in Lausanne, der Bibliothèque Municipale in Lyon und der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Diese Unterstützung wird seitens der Verlage mit großem Argwohn betrachtet, so dass man sich hier auf die Digitalisierung urheberrechtsfreier Werke beschränkt.

Schlimm genug ist, dass sich diese Bibliotheken für die Kooperation rechtfertigen müssen und führen als Argument an, dass so schnell nichts Vergleichbares wie Google Books aufgebaut werden kann. Betrachtet man die bisherigen Angebote aus öffentlicher Hand, muss man ihnen wohl trauriger Weise recht geben. Google tut etwas und macht es sichtbar. Die Bemühungen der Bibliotheken verpuffen in tausend kleinen, unkontrollierten Projekten, die bei der Nutzung wiederum hohe Anforderungen an das Recherchegeschick unerfahrener Nutzer stellen.

Schneider merkt zurecht an, dass es nicht reicht, über Urheberrechtsfragen und Geheimverträge bei Google zu schimpfen, wenn kein wirkliches Gegenprogramm existiert. Diskussionen, egal ob bei der Deutschen Nationalbibliothek, bei den Staats- und Landesbibliotheken, bei den Universitätsbibliotheken und bei den öffentlichen Bibliotheken reichen nicht. Was benötigt wird, ist ein gemeinsamer Plan für gemeinsame Aufgaben. Auch scheint unserer deutschen Regierung nicht ganz klar zu sein, welche Herausforderung dort auf alle Beteiligten wartet. Schneider:

Dabei ist die Herausforderung der digitalen Bibliothek einfach zu fassen: Unser kulturelles Schrifterbe, vorzüglich aber alles Gedruckte, kann in digitaler Form neu und grenzenlos zugänglich gemacht werden. Technisch ist es möglich, und finanzierbar ist es auch.

Die deutsche Regierung unterstützt das Projekt mit 10 Millionen Euro, wo andere klotzen und nicht kleckern. Frankreich stellt 750 Millionen Euro dafür bereit und Japan investiert zunächst 80 Millionen. Das deutsche “Startguthaben” dient nur der Koordinierung und Organisation, um dann ein Dach für die dezentralen, ländereigenen Digitalisierungsinitiativen zu schaffen – Förderation, egal was es koste… Diese riesige Aufgabe muss finanziell abgesichert sein und von vornherein durchdacht, detailliert, aber flexibel geplant sein.

Digitalisierungsvorhaben gab es schon viele. Seit über zwanzig Jahren arbeitet man in deutschen Bibliotheken daran, Bücher zu digitalisieren, um so auch seltene und schwer zugängliche Werke problemlos gerade geisteswissenschaftlich und historisch Forschenden zugänglich zu machen. Ein weiteres Förderungskriterium für die Finanzierung von Digitalisierungsprojekten waren auch die Vorteile für die Bestandssicherung. Zunehmend ersetzen digitale Kopien Sicherheitsverfilmungen bzw. erleichtern sie, wie dies z.B. das Deutsche Literaturachiv in Marbach oder Altbestandsbibliotheken wie die Universitätsbibliothek Leipzig nutzen. Durch die Digitalisate soll auch die (wissenschaftliche) Nutzung der sonst nur schwer zugänglichen, aus konservatorischen Gründen weggeschlossenen Bestände intensiviert werden.

Schon diese hohen Ziele scheinen gescheitert sein. Es gibt keine Sichtbarkeit dieser bereit digitalisierten und schon online gestellten Buchmaterialien. Die Schwierigkeiten, die ein versierter Nutzer digitaler Texte hat, kann man regelmäßig bei Klaus Graf auf Archivalia verfolgen. Es gibt zwar ein Zentrales Verzeichnis digitalisierter Drucke (ZVDD); dieses erweist sich jedoch nicht als sonderlich verlässlich und nutzerfreundlich. Das führt zu Mehrfachdigitalisaten, da keine wirkliche Übersicht besteht, was bereits digital vorliegt. Auch so kann man kostbare Gelder verschwenden.

Ein Platz beim Aufbau der nationalen digitalen Bibliothek ist begehrt, aber die Hürden besonders auf technischer und administrativer Seite sind hoch. Es fehlen einheitliche, nachvollziehbare Ziele, denn die DFG lässt sich durch die unterschiedlichen Meinungen von Wissenschaftlern zu widersprüchlichen Vorgaben veranlassen. Dies ermöglicht keine zielgerichtete Politik und keine effektive Planung und Umsetzung eines so heeren Zieles.

Selbst die Zielvorgaben Europeana und ihres deutschen Pendants DDB harmonieren nicht wirklich miteinander, aber das müssen sie wahrscheinlich auch nicht. Wichtig für den Erfolg der DDB ist eine offene Diskussion und strategische Planung, um einen nationalen Konsens in Fragen der kulturellen Entwicklung durch Zukunftstechnologien zu schaffen. Notwendige Entscheidungen und Problemlösungen werden so oft nur hin und her geschoben.

Wenn die Geschäftsstelle der DDB durch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz übernommen werden wird, ist das gewiss in der Praxis gut, aber sichert der Berliner Stiftung noch keine nationale Autorität in Sachen Konzeption und Organisation.

Das geht aber so auch weiter, wie Herr Schneider feststellt:

Wer Deutschland und seinen Bibliotheken für die Zukunft der digitalen Inhalte Glück wünschen will, hat Schwierigkeiten, einen Adressaten zu finden. Welche der verschiedenen Bibliotheksorganisationen, die sich demnächst wieder zum Bibliothekskongress in Leipzig zusammenfinden, ist die entscheidende? Welche Förderorganisation sitzt am längeren Hebel, die DFG oder das BMBF oder die Länder? Muss man die Nationalbibliothek ermuntern oder erst einmal die Katalogverbünde auflösen? Soll man zur Wirtschaft gehen, die sich im Rahmen der “Initiative D21” für die DDB einsetzt, oder gleich zum Staatsminister für Kultur und Medien?

Die politischen Strukturen scheinen mit ein großes Hindernis für den Erfolg der DDB zu werden. Es müssen politische und organisatorische Strukturen geschaffen werden, die über der föderalen Ebene liegen und die ein einheitliches, zielgerichtetes Vorgehen beim Stämmen dieser Mammutaufgabe ermöglichen. Dies muss politisch gewollt und getragen werden.

Man sollte bei der DDB auch deutlich aus den Fehlern lernen, die deutsche Bibliotheken bei ihrer Zuarbeit zur Europeana gemacht haben. Diese hat Klaus-Dieter Lehmann, der Präsident des Goethe-Instituts, deutlich benannt:

Lehmann kritisierte, dass «bis hinunter zur Gemeindebibliothek» jeder sofort mitmachen solle, anstatt zunächst die stärksten Partner auszusuchen. «So wird man der Dynamik Googles nicht genug entgegensetzen können und die ehrgeizig gesteckten Ziele nicht erreichen.»

Digitale Informationen spielen eine immer größere Rolle, egal ob in den Naturwissenschaften oder Geisteswissenschaften. Diese Technik revolutioniert die Wissensverbreitung und Rezeption ähnlich revolutionär wie der Buchdruck vor über 500 Jahren. Der Staat muss anerkennen, dass wir uns in einem Verteilungskampf befinden. Wieviel davon will man rein privatwirtschafltichen und gewinnmaximierenden Initiativen überlassen? Verlage heulten auf und sprachen von Monopolbildung, als Google sich dem brachliegenden Wissen widmete und mit Google Books eine große Unternehmung auf eigenes Risiko wagte. Selbst sehen sie sich aber nicht in der Lage, digitale Informationen benutzerfreundlich zugänglich zu machen.

Überlässt man den digitalen Raum nur der Privatwirtschaft zur kommerziellen Nutzung, wie dies in den USA Anfang des Jahres ein Expertengremium dem Kongress empfohlen hat, schließt man Bibliotheken von ihrer Aufgabe aus, Informationen zu sammeln, zu ordnen und ihren Nutzern verfügbar zu machen. Robert Darnton, Bibliotheksdirektor in Harvard hat dies mehrfach beklagt und auch ein französisches Gutachten des ehemaligen Telekom-Chefs Marc Tessier vom Januar 2010 empfiehlt einen Ausbau der nationalen Plattform “Gallica” mit staatlichen Mitteln. Privatwirtschaftliche Partnerschaften, z.B. mit Google schießt er dabei nicht aus.

Deutschland muss sich aufrappeln und aufhören Angst zu haben, wenn es darum geht, dass Bibliotheken das Wissen der Welt zugänglich machen. Es muss der Mut aufgebracht werden, dieses Wissen ungehindert, unzensiert und ohne Gewinnabsicht allen verfügbar zu machen. Alle Beteiligten müssen einen Weg finden, gemeinsam die bestehende Schriftkultur in eine digitale Schriftkultur zu übertragen. Es geht nicht darum, Urheberrechte abzuschaffen, zu verhindern, dass jemand Geld mit Texten und Informationen verdient. Es geht darum, langfristig nicht den Anschluss zu verlieren und ärmere Bevölkerungsschichten vom Zugang zur Information auszuschließen. Es geht darum, gemeinsam Lösungen zu finden, riesige Mengen von Texten zu digitalisieren und auch ursprünglich digitale Texte zu verwalten und unter einer einfach zu bedienenden Oberfläche zugänglich zu machen.

Für Bibliotheken gilt:

Nicht einzusehen ist, dass wir irgendwo haltmachen und es nicht als kulturelle Aufgabe begreifen, neue Techniken und neue Medien zu nutzen und auf verantwortliche Weise unsere Wissenswelten umzubauen.

Doch wird es auch nicht für Bibliotheken reichen, gedruckte Materialien zu digitalisieren. Um adäquate Partner der Wissenschaft und Forschung zu bleiben, müssen sie auch zukünftig aktuelle digitale Informationen aus einer Hand an den Forscher liefern können. Dafür muss eine infrastrukturelle Umgebung, z.B. mit der DDB, aber auch ein politisch gewolltes Klima (bspw. durch ein entsprechend unterstützendes Urheberrecht, Bibliotheksgesetz) und finanziell abgesichertes Umfeld geschaffen werden.

Quelle:
Schneider, Ulrich Johannes: Das Wissen der Welt : Deutschland braucht eine öffentliche digitale Bibliothek, in: Jetzt de (Süddeutsche Zeitung Magazin)

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