Intergenerationale Bibliotheksarbeit als Antwort auf den demographischen Wandel: Überlegungen zu aktuellen Trends

The library as a place for inspiration and innovation for the community, particularly the local community, relates to all generations.“ Helen Bowers

Eine Umfrage der GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) in Nürnberg und ein Vortrag von Ronald Kaiser & Prof. Dr. RatzekZielgruppe 50+“ auf dem diesjährigen BID-Kongreß in Leipzig, veranlassten mich zu diesem Blogeintrag. In einem Blogeintrag vom 05.12. 2009 habe auch ich die Zielgruppe Ältere oder Senioren als Silver Gamers bezeichnet. Buzinkay stellte bereits 2007 in einem Blogeintrag „Die Überalterung und die Bibliothek“ fest, dass der Trend in den kommenden Jahren dahin geht, dass die größte Gruppe an BibliotheksnutzerInnen in Zukunft über 60 Jahre alt sein wird. Die Zahl derjenigen, die älter als 65 sind, wird bis zum Jahr 2030 um mehr als ein Drittel zunehmen. Wie R. Kaiser & Ratzek im März diesen Jahren feststellten, gibt es noch zu wenige Angebote von Seiten der Bibliothek.  Henner Grube, der ehemalige Leiter der EKZ appellierte in seinem Vortrag „Die Zukunft der Bibliothek und die engagierten Bürger“ von 2006 audrücklich dafür die Ansprache dieser Zielgruppe zu verbessern. Ausdrücke aus der Marketingsprache, die ja meist aus dem Englischen stammen sind gerade bei Jüngeren angesagt. Dagegen ist erst einmals nichts einzuwenden, aber die Eltern- bzw. Großelterngeneration denkt da sicherlich anders darüber.  Vermutlich wird dies in einigen Jahren anders sein. Ein bestes Beispiel hierfür gibt der 56 Jahre alte Bundesverkehrsminister Ramsauer ab, der unmittelbar nach der Übernahme seiner Amtsgeschäfte alle Anglizismen in seinem Ministerium verbieten ließ. Bei einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Senioren Ratgebers gaben mehr als vier von fünf der Ab-60-Jährigen (83,8 %) an, der Ausdruck Senioren spiegle die Lebenserfahrung älterer Menschen wider und passe daher am besten. Weit mehr als drei Viertel von ihnen (79,9 %) findet, man sollte von ihnen ganz einfach als von „älteren Menschen“ sprechen. Weniger gut kommen bei den Älteren Begriffe wie „Silver Ager“, „Best Ager“ oder „Happy Enders“ an. Etwa ein Viertel der Ab-60-Jährigen (25,2 %) sind der Auffassung, dass derartige Bezeichnungen dem Lebensgefühl der „jung gebliebenen Alten“ nicht entsprechen. Mehr als die Hälfte der Senioren (58,1 %),  spricht sich gegen eine Verwendung besonderer Begriffe für Senioren aus. Buzinkay machte deutlich, welche Art von Konzepten sich Bibliotheken bei der Zielgruppenarbeit mit Senioren widmen könnten:

  1. Freizeitgestaltung: Ein erweitertes kulturelles Angebot, welches auch die sozialen Bedürfnisse älterer Menschen befriedigt
  2. Thema “Bildung”: Bildung für Senioren
  3. Multimediale Angebote: Technik-Affinität muss auch bei dieser Gruppe gestärkt werden
  4. Leitsysteme und Navigation auf Webseiten: Barrierefreiheit ein absolutes Muss
  5. Einbindung von Senioren in die aktive Mitarbeit an Bibliotheken (Nutzen vorhandenen Wissens)

Den fünf genannten Vorschlägen kommt ein meines Erachtens ein wichtiger Aspekt hinzu: Die Intergenerationalität, welche dem Beziehungsaspekt von jungen und alten Menschen zunehmend an Bedeutung verleiht.

Eine zunehmende Zersplitterung in unterschiedliche Milieus lässt sich beobachten, wobei Kinder mit Senioren seltener miteinander zu tun haben. Im Gespräch mit Kindern und Jugendlichen hörte ich aber nun schon des Öfteren heraus, dass Großeltern oftmals nicht im selben Ort wohnen wie ihre Enkel bzw. sich kaum um ihre Enkel kümmern oder verstorben sind.  In Deutschland wurde bis vor kurzem im Immissionsschutzgesetz Kinderlärm mit Verkehrs- und Industrielärm gleichgesetzt. Mit Sicherheit gibt es mittlerweile nicht nur in Großbritannien ein zunehmends Mißtrauen und eine zunehmend Abschottung von Senioren gegenüber den Jungen. Dort existieren schon über 60  „retirement villages„.  Diese „segrated communities“ werden meiner Meinung nach auch in Deutschland zunehmen, da die Überalterung und eine zunehmende Entsolidarisierung im Familien- und Nachbarschaftsverbund, aber auch im Zusammenleben zwischen heterogener gewordenen Milieus dies noch befördern könnten. Bibliotheken wären als öffentliche  Einrichtungen hervorragend geeignet einen Ort der Kommunikation und des Dialogs zwischen den „Jungen“ und „Alten“ zur Verfügung zu stellen.  In München beispielsweise gibt es eine Schachstiftung (und eine Schachakademie), die immer wieder erwachsene Paten sucht, welche diesen Denksport Kindern aus sozial schwachen Familien näherbringen. Eine 2007 veröffentlichte Studie der Universität Trier kommt bei Schülern zu dem Ergebnis, dass das Schachspielen eine signifikante Verbesserung des Wahrnehmunsvermögens und der Konzentration zur Folge hat. Hinzu kommt eine erhöhte Leistungsmotivation und eine Steigerung der Sozialkompetenz. Bei Senioren fand eine 2001 in New York publizierte Studie heraus, dass sich bei regelmäßigem Schachspielen das relative Alzheimerrisiko um erstaunliche 74 % reduziert wird. Wären nicht Bibliotheken vor Ort ein ideales Forum derartige intergenerationale Schachnachmittage anzubieten?  Im ersten Video wurde eine Gruppe von 50 jungen und alten Menschen miteinander konfrontiert, die sich füreinander interessierten und ein anfängliches  Mißtrauen abbauten. Die Bewohner von Scarborough wünschen sich zukünftig mehr Projekte, welche Senioren und Jugendliche zusammenbringen. Leider fand ich trotz intensiver Recherchen keine näheren Infos zu den genauen Dienstleistungen, welche die Stadtbibliotheken von  Scarborough für Senioren und Junge konkret anbieten. Einen zweiten Teil der Dokumentation gibt es unter dem folgenden Link.

Die Stadtbibliothek in Roxbury (New Jersey, USA) bietet wöchentlich Dienstleistungen für Erwachsene an. Jeden Freitag  gibt es beispielsweise „Wii für Senioren“. Die Benutzung ist kostenfrei.


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